Der weinende Stein

Zu einer Zeit, als noch ein sehr großer Teil der Erde von dichten Wäldern bedeckt war, lebte ein Magier namens Merlin. Er hatte bereits ein langes Leben gelebt und die Erde und ihre Gaben geachtet. Wie sonst hätte er Magie wirken sollen, wenn nicht in Einklang mit der Natur?

Doch dann waren Fremde in sein Land eingedrungen, und die hatten nicht nur fremde Sitten mitgebracht, sondern auch einen fremden Gott. In dessen Namen gingen sie auf Eroberungszüge und trieben Raubbau an der Natur.

Zwar kämpften die Menschen im Land des Magiers gegen die Eindringlinge, doch dauerte es nicht lange, bis sie sich so Manches von den Fremden abschauten. Wie die Eindringlinge gestanden sie den Frauen weniger Rechte zu als den Männern. Merlin hatte eine begabte Schülerin namens Nimuë, und die war erzürnt über die Veränderungen, die sie voraussah: Die fehlende Achtung vor den Frauen und der Natur würde Leid und ein nie zuvor gekanntes Ausmaß an Zerstörung bringen. Und da ihr Lehrer, der als größter Magier seiner Zeit galt, sich immer weiter vom Einklang mit der Natur entfernte, war sie ihm bald an magischer Kraft überlegen. Getrieben von ihrem Zorn nutzte sie diese Kraft, um ihren Lehrer in einen Felsen zu bannen.

Sein Körper war also eingeschlossen in einen Fels auf einer Waldlichtung, doch als Magier konnte er seinen Geist weit über die Erde schweifen lassen, und so sah er, wie Männer die Erde, ebenso wie die Frauen, immer stärker missbrauchten. Ohne jede Möglichkeit des Eingreifens musste er zusehen, wie Wälder gnadenlos abgeholzt wurden, wie dem Boden die unterirdischen Schätze entrissen wurden, wie Äcker nicht mehr in Einklang mit der Natur bestellt wurde. Und er sah die Folgen dieser Unterdrückung der weiblichen Kraft: Überschwemmungen und Bodenerosion, Vergiftung des Wassers und des einst so fruchtbaren Bodens.

Schließlich rührte sich im versteinerten Merlin etwas, das ihm während seiner letzten Jahre als mächtiger Magier mehr und mehr abhanden gekommen war. Er empfand tiefes Mitgefühl: Mit den Frauen und Kindern dieser Welt, mit den Pflanzen, den Tieren, der Erde, sogar mit den Steinen und dem Wasser. Und da begannen seine Tränen zu fließen, ganz langsam bahnten sie sich ihren Weg hinaus aus dem Fels. Zuerst war es nur ein zaghaftes Tröpfeln aus seinem versteinerten Gesicht.

 

Irgendwann, nach langer, sehr langer Zeit kommt Nimuë mit der Neuigkeit zu ihm, dass eine Zeitenwende bevorsteht. Und sie tut noch mehr: Als sie das Rinnsal aus Tränen bemerkt, streichelt sie sanft über das Steingesicht. Da wird aus dem spärlichen Tröpfeln eine klare Quelle, die im zuvor ausgedörrten Boden Samenkörner weckt und zum Sprießen bringt. Als sich im Teppich aus Gras erste zarte Blütenkelche öffnen, gesellen sich zu Merlins Tränen der Trauer solche der Freude, und die verstärken noch den Fluss des reinen Wassers. Da befreit Nimuë ihren einstigen Lehrer aus dem Stein.

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