Ein Märchen vom Festhalten und Loslassen

Ein Märchen vom Festhalten und Loslassen

Der Apfelbaum stand in einem Obstgarten, zwischen vielen anderen Obstbäumen. Es war das erste Jahr, in dem man wirklich von ihm sagen konnte, daß er in voller Blüte stand. Er war jünger als alle anderen Bäume in diesem Garten. Im vergangenen Jahr hatte es während der Blütezeit Frost gegeben, und alle Blüten, die er hervorgebracht hatte, waren erfroren. Die älteren Bäume, die sich an viele Jahre der Baumerfahrung erinnern konnten, hatten schon einige solcher Schicksalsschläge überstanden und nahmen die Launen des Wetters mit Gleichmut hin. Der junge Apfelbaum jedoch hatte das ganze Jahr, und besonders den ganzen langen Winter hindurch seinem Frühlingskleid aus Blütenflohr nachgetrauert. Um so mehr war er natürlich stolz gewesen auf die vielen Knospen, die sich zu ebenso vielen duftigzarten Blüten entfaltet hatten, mehr denn jemals in seinem jungen Leben, denn er war ja doch gewachsen während des vergangenen Jahres, auch wenn es so enttäuschend verlaufen war.

Sein Stolz und seine Freude aber hatte eine Schattenseite: Im Sonnenschein war er glücklich, doch er begann, sich zu sorgen, sobald eine Wolke sich vor die Sonne schob. Würde ein heftiger Regen seine duftende Blütenpracht zerstören? Und erst wenn es Abend wurde: Würde die Nacht etwa so kalt werden, daß Nachtfröste ihn seines Blütenschmucks berauben würden?

Doch all seine Ängste erwiesen sich als unbegründet – und sie hätten ja ohnehin keinen Einfluß gehabt auf das wendische Wetter -, und seine Blüten verwandelten sich allmählich in winzige Fruchtansätze. Er trauerte den Blüten nach, gerne hätte er sein zartes Frühlingskleid noch ein wenig länger getragen, bevor es in das schlichtere, dunklere Sommerkleid verwandelt wurde. Aber er erinnerte sich an die vielen Früchte, die er an den anderen Bäumen so bewundert hatte, als er selbst noch so jung gewesen war, daß er fast all seine Kraft für sein Wachstum gebraucht hatte und nur wenige Früchte getragen hatte.

Während der Baum gespannt und ein wenig ungeduldig die langsame Entwicklung seiner Früchte verfolgte, vergaß er ganz, den Blüten nachzutrauern. Er genoß den warmen Sommer, der viel Sonnenschein brachte und milden Regen zur rechten Zeit.

»Ein Sommer wie im Bilderbuch«, hörte er manchmal die Menschen sagen, die das Haus neben dem Garten bewohnten. Er wußte, daß diese Menschen im Herbst mit Leitern und Körben kommen würden, um die Früchte der Bäume einzusammeln. Während es die anderen Bäume stolz machte und mit Freude erfüllte, daß ihre Früchte gebraucht wurden, wollte der Apfelbaum seine Früchte nicht hergeben. Bevor sie noch ganz reif waren, bemühte er sich, sie festzuhalten an seinen Zweigen. Er wußte, er durfte ihnen den letzten Saft, den sie zur völligen Reife brauchten, nicht mehr geben, sonst würde er sie alle verlieren.

In diesem Herbst gab es eine reiche, üppige Ernte. Alle Bäume ließen schon Früchte vom Übermaß ihres Reichtum, der die Zweige bog, ins hohe Gras fallen, wo sich in der Dunkelheit der Nacht Igel und Schnecken an ihnen labten. Alle bis auf diesen einen Baum. Mit seinem brennenden Wunsch, all seine Früchte für sich zu behalten, hatte er es erreicht, daß sie nicht voll ausreiften und ganz fest mit seinen Zweigen verbunden blieben. Die Vögel, die sich in dem Garten an der Vielfalt der Nahrung freuten, wandten sich lieber den reifen Früchten der anderen Bäume zu, und dem Apfelbaum war es nur recht so. Oft waren auch Kinder im Garten, wo sie spielten und natürlich auch von dem Obst naschten. Als ein Mädchen sich einen Apfel vom Baum pflückte und hineinbiß, verzog es den Mund und spuckte den Bissen gleich wieder aus. »Diese Äpfel schmecken nicht«, rief es enttäuscht, »sie sind noch ganz hart und sauer.«

Ein wenig fühlte sich der Baum gekränkt, weil seine Äpfel weniger gut sein sollten als das Obst all der anderen Bäume. Aber zugleich triumphierte er innerlich. »Dann werdet ihr mir meine Früchte auch nicht stehlen.«

Bald kam tatsächlich die Zeit, wo die Menschen mit Leitern und Körben anrückten, um im Obstgarten Ernte zu halten. Der Baum, der in der hinteren Ecke des Gartens stand, sah zu, wie sie Korb auf Korb füllten. Krampfhaft hielt er all seine Früchte fest, entschlossen sie niemals herzugeben. Und er hatte tatsächlich den erwünschten Erfolg. Ein Mann pflückte einen Apfel, der sich nur sehr schwer vom Zweig lösen ließ. Er hielt den Apfel in der Hand, sah ihn zweifelnd an, biß hinein, verzog das Gesicht und spuckte das abgebissene Stück sofort wieder aus. Achtlos warf er den angebissenen Apfel ins Gras.

»Was ist nut mit diesem Baum los? Diese Äpfel sind ja ungenießbar. Eigentlich müssten die längst reif sein. Und eine gute Sorte ist es doch eigentlich.«

Eine gute Sorte? Das hörte der Baum gern und fühlte sich geschmeichelt, wenn er auch andererseits wieder gekränkt war, weil anscheinend niemand seine Äpfel zu würdigen wußte. »Ja«, dachte er boshaft, »eine gute Sorte, aber nicht für euch. Das sind meine Früchte und sollen meine bleiben.«

So stand er den ganzen Herbst hindurch im Garten, mit voll beladenen Zweigen, die sich unter der Last seiner Äpfel bogen. Einige Male noch kamen die Menschen in den Garten, um sich den Baum anzusehen. Das Ergebnis war immer das gleiche: Die Äpfel gelangten nicht zur Reife, waren ungenießbar.

»Da hat uns der Gärtner aber einen sonderbaren Baum angedreht,« sagte einer. »Wir sollten ihn im nächsten Jahr abhauen,« sagte ein anderer. »Er nimmt nur den anderen Bäumen unnötig Kraft weg. Ich werde demnächst mal mit dem Gärtner sprechen.«

Der Apfelbaum, der dies gehört hatte, erzitterte von den tiefsten Wurzeln bis hinauf in die Zweige, die sich unter der Last der Äpfel bogen. Er sollte zerstört w erden, nur weil er nicht bereit war, all seine Früchte den Menschen zu opfern, die nichts zu ihrem Wachstum getan hatten? Aber gerade diese Angst und Empörung (und ein großer Anteil Trotz) brachte ihn dazu, seine Äpfel nur um so fester zu halten.

An anderen Bäumen hingen nur noch vereinzelte Früchte, ganz hoch oben, wo die Menschen sie nicht erreicht hatten. Und all diese letzten Zeichen von Reife wurden von den ersten starken Winden des Herbstes herabgeworfen – nicht aber die Früchte des Apfelbaumes. Verbissen trotzte er den Herbstwinden, als hielte er sie für seine Feinde, die nur kämen, ihn zu berauben.

Dann aber, eines Nachts, kam ein Sturm auf, dem der Baum nicht mehr gewachsen war. Seine Äste, von ihrer schweren Last beinahe zu Boden gezogen, konnten sich nicht der Bewegung des Sturms beugen. All der entschlossene Wille des Baums half ihm nicht durch diese Nacht.

Am nächsten Morgen, als der Sturm sich gelegt hatte, waren fast alle seine Äste mitsamt ihrer Apfellast abgebrochen. Auch andere Bäume hatten einzelne Äste verloren, besonders die älteren, die nicht mehr so geschmeidig waren. Der Apfelbaum aber bot wirklich ein traurigen Anblick, wie er seine Aststümpfe von sich reckte, als wolle er immer noch dem Herbstwind damit drohen. Um ihn herum am Boden lagen seine abgebrochenen Äste, Zweige und seine vielen Äpfel, die nie ganz das letzte Stadium der Reife erreicht hatten.

Zuerst war der Baum zornig, dann bekam er Angst. Sicher würden die bösen Menschen sich jetzt an ihr Vorhaben, ihn zu fällen, erinnern. Tatsächlich kamen sie an diesem Morgen, den Schaden zu besehen, den der Sturm angerichtet hatte.

»Um den ist es nicht schade, der sollte ohnehin weg im nächsten Frühjahr«, sagte einer, auf den Apfelbaum weisend.

»Dann wird es also bald aus sein mit mir«, dachte der Baum, und nachdem die heftigen Wogen von Zorn und Angst verebbt waren, gab es angesichts dieser Gewißheit nur noch eine tiefe Traurigkeit in ihm. In dieser Traurigkeit verbrachte er den kalten Winter, der den anderen Bäumen eine Ruhepause zum Sammeln neuer Kräfte für den kommenden Frühling war.

Versunken in seiner Traurigkeit, wie der Baum war, merkte er erst, daß der Frühling gekommen war, als er die Bäume um ihn herum geschmückt sah mit den ersten zartgrünen Blättern. Er verglich sich mit den anderen, fand sich häßlich und mißgestaltet, wie er so dastand mit seinen abgebrochenen Ästen. Und er dachte daran, daß dieser Frühling sein letzter sein sollte. Er fühlte sich schwach, er war verzweifelt, aber in einer Anwandlung von Trotz beschloß er, wenigstens einige Blätter auszutreiben. »Mit einem Hauch von hellem Grün will auch ich mich schmücken und die Wohltaten der Sonne genießen, solange ich das noch kann«. Und das sollte länger sein als er ahnte. Im Haus der Menschen starb jemand, dann wurde ein Kind geboren, Feste des Abschieds und des Willkommens fanden statt, und über so viel Veränderung vergaßen die Menschen den Baum.

Und als die Tage länger wurden und die Wärme der Sonne zunahm, brachte der Baum nicht nur neue Zweige und grünes Laub, sondern auch die ersten Knospen hervor. So hatte also auch in ihm, obwohl er gefangen gewesen war in seiner Traurigkeit, insgeheim die erneuernde Kraft der Natur gewirkt und ermöglichte ihm nun neues Wachstum. Verglichen mit den ihn umgebenden Bäumen sah er immer noch arg mitgenommen aus, weshalb er in diesem Jahr nicht übermäßig stolz war auf seine Blüten. Er freute sich einfach darüber — es war eine bescheidene, demütige Freude.

Als der Sommer gerade auf das Frühjahr gefolgt war, hörte er einen der Menschen sagen: »Wie schnell die Zeit wieder vergangen ist. Inzwischen ist es doch zu spät, noch einen neuen Baum zu pflanzen. Lassen wir ihn also stehen bis zum Herbst.«

Den ganzen Sommer würde er also Zeit haben — und vielleicht würden die Menschen es sich doch noch anders überlegen?

So ungewiß war die Frage seines weiteren Bestehens, daß der Baum keine Sorgen mehr an das wechselhafte Wetter verschwendete. Alles schien ihm neu, wie nie zuvor erlebt: der Wärme und Licht spendende Sonnenschein, der erfrischende Regen — und sogar die heftigen Winde, die gelegentlich an seinen jungen Zweigen rüttelten. Es war durchaus Traurigkeit dabei, wenn er das Dunklerwerden des Laubes und das Reifen der Früchte aufmerksam verfolgte, denn das brachte ihn wohl unweigerlich seinem Ende näher. Und doch war er fasziniert wie nie zuvor von dem Rhythmus des Jahres, der Entwicklung der Bäume um ihn herum — und natürlich auch von seiner eigenen. Wozu etwas festhalten, wenn er selbst keine Dauer haben sollte?

Als der Spätsommer herankam und damit die Erntezeit, trug der Baum zwar nur wenige, aber voll ausgereifte Früchte in seinem Geäst.

Zur Erntezeit gingen ein Mann und ein Kind zu dem Baum. Der Mann pflückte einen Apfel, probierte, lobte und gab auch dem Kind einen Apfel. »Na, dieses Jahr sind die Äpfel aber so, wie sie besser nicht sein könnten. Vielleicht hatte er einfach zu früh zu viele Früchte. Ein wenig unansehnlich steht er ja da, aber das wird sich noch auswachsen.«

Diesmal erbebte der Baum vor Freude und Glück von seinen tiefsten Wurzeln durch den Stamm hinauf bis zu den kleinsten Zweigen. Ein Apfel fiel herab, den Menschen direkt vor die Füße, und der Baum spürte dabei die Freude des Gebens. Warum sollte er festhalten?

Ein neuer Frühling würde kommen mit neuem Leben und mit Blütenpracht, Sommer und Ernte würden folgen, und dann die Ruhe des Winters, wieder und wieder.

Was gab es da festzuhalten?

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