Versuch, ein Gedicht einzufangen — und was danach geschah

Versuch, ein Gedicht einzufangen

Das Bild lauert genau am Rande des Blickfelds.

Als ich meinen Kopf drehe,

flattern die Wörter auf und davon wie ein Vogelschwarm.

Ich weiß, sie sammeln sich wieder, in ihrer eigenen Symmetrie

Irgendwo hoch oben auf einem Dach oder einem Baum.

Versuchen, sie zurück zu locken führt zu nichts

keinem Vogel, keinem Wort.

Ich ergebe mich dem Nichts

gehe spazieren, mache Rast auf einer Bank

mein Geist wird still wie die Oberfläche eines Teiches… bis…

Etwas rührt sich

Nein, ich habe keine Brotkrumen, und doch strecke ich meine Hand aus

hinaus aus der Stille. und als ich meine Augen öffne

– Überraschung!

Ein Bläuling lässt sich nieder auf meiner Hand.

Wo sind sie, die Wörter?

Dieses Gedicht hatte ich kurz vor meiner Aphasie-Katastrophe für eine Anthologie eingesandt, woran mich erst die Nachricht erinnerte, dass es tatsächlich für eine Veröffentlichung ausgewählt wurde. Als ich es auf der beigefügten Korrekturfahne noch einmal durchlas, erschrak ich: Als hätte ich mir den zeitweisen Verlusts der Sprache vorausgeschrieben, mit den Bildern der Wörte, die auf und davon flattern wie ein aufgeschreckter Vogelschwarm.

(siehe Text „Aphasie“)

Als ich aber bei dem Schmetterling angekommen bin, der auf meiner Hand landet, kann ich schon wieder lächeln: Genauso war es, erforderte gleichermaßen Beharrlichkeit wie unendliche Beduld, die Spracheschmetterlinge wieder herbeizulocken.

Ich bedanke mich bei mir selbst für beides — und für mehr: Für jede neue inspirierende Idee, die mir zufliegt wie aus dem Nichts, und für meine zunehmende Geduld dabei, solche winzigen Keime wachsen zu lassen.

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4 Kommentare zu “Versuch, ein Gedicht einzufangen — und was danach geschah

  1. Liebe Frieda, dieses Gedicht ist wunderschön. Es berührt mich tief, als ich den Text darunter lese.

    Liebe Grüße
    Barbara

  2. bmh sagt:

    Liebe Frida, fliegen die Wörter wieder?
    Manchmal halten sie Winterschlaf, um gestärkt wieder ans Tageslich zu fliegen – neu

    • fridakopp sagt:

      Hallo Barbara,
      da geschieht in mir ein Verwandlungsprozess, nachdem ich so lange damit beschäftigt war,
      „alten Kram“ durchzuackern stecken wie Frühlingsblüten neue Themen die Köpfchen hervor.

      Viele Grüße
      Frida

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