Familienbild mit schwarzer Ziege

Zigenkopf-Sündenbock

Familienbild mit schwarzer Ziege
Als Fremdling hineingeboren in eine Familie aus hellen Schafen
― schwarz und von Anbeginn an bestimmt zum Anders‑Sein.
Die Schafe schämen sich des dunklen Wesens in ihrer Mitte
sagen: „Ja, sicher gehörst du zu uns,
aber dann sei auch wie wir.
Sei hell und lieb und artig und nett.“

Als einziges bockiges schwarzes Tier
in einer ganzen Herde weißer Schafe
fühlt sich der schwarze Fremdling getrieben ins Anders‑Sein
verlässt die saftigen Kleewiesen
grast lieber auf steinigen Hängen, wo
im Steingrund unter den Hufen nichts wächst
als kratzige Disteln, stachliger Ginster:
Nahrung, die eine Botschaft enthält.
Disteln und Ginster sind zähe Gewächse
die treiben ihre Wurzeln tief in den Boden
weder Nahrung noch Wasser finden sie
an der kargen Oberfläche
und wenn sie auch bitter schmecken
so haben sie doch heilende Kraft.

Schwarz‑Sein:
das war nicht nur Anders‑Sein, Nicht‑Dazugehören
das wurde auch zu einer Maske
in deren Schutz sich Heilung vollzog
hinter der die verkannte Schaf‑Ziege zur Närrin wurde
ihre Narrenfreiheit genießen lernte
auf andere Narren traf ― um schließlich zu erkennen:
Nicht armes ausgestoß’nes Schaf bin ich sondern Ziege
wie all die ander’n un‑angepassten Narren
zu deren Wesen es gehört
bockig und eigen‑willig zu sein.

Die Schwarze Ziege beginnt
sich wohl zu fühlen an ihren steilen Hängen
wo heilsame Kräuter wachsen
wo zwischen den Steinen schwarzglänzende Skorpione leben
die teilen des Nachts ihre Geheimnisse mit
führen ihre Tänze der Liebe auf
und dann und wann ist Pan zu Gast mit seiner Flöte.

Narren und Ziegen lernen unterscheiden:
wo die Mitglieder der Schafherde mit ihrer Weißheit prahlen
da sieht die schwarze Ziege grauverfilzte Wolle
und sie weiß um den Glanz auf ihrem eigenen schwarzen Fell.
Die Närrin singt ihre Lieder, begleitet von Schellengeläut
vollführt ihren Akt der Balance auf dem hohen Seil
aufgespannt zwischen Bosheit und Weisheit.

Ziegenbock

(Dieses Gedicht ist nicht schon etwas älter, es ist veröffentlicht in meinem Gedichtband „Mein Krähennest“ und auch, mit anderen Gedichten, auf diesem Blog unter dem Ober-Titel „Narrenfreiheit“.
Aber weil’s einfach passt zur „Ziegenkraft“ kommt es hier nochmal.)

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8 Kommentare zu “Familienbild mit schwarzer Ziege

  1. nandalya sagt:

    Ich kenne sie gut, diese Farbe und Ziege. Und doch muss Schwarz nicht anders sein. Es ist nur eine andere Seite, ein anderes Stück vom Glück. Leider sehen das die Menschen nicht. Alles was anders ist bleibt fremd.

    • fridakopp sagt:

      „Alles was anders ist bleibt fremd.“
      Dafür lernt der oder diejenige, die sich fremd fühlt, sich selbst besser kennen – und andere auch?

  2. Gabryon sagt:

    Hat dies auf Allerlei Kunterbunt… rebloggt und kommentierte:
    Ich bin eine Holz-Ziege 🙂 und… Vieles kann ich bejahen.

  3. bmh sagt:

    Das kenn ich doch 😉

    • fridakopp sagt:

      Sei gegrüßt, Barbara.

      Wie ist das gemeint?
      Du kennst das Gedicht schon?
      Stand auch schon mal hier, allerdings als letztes von Dreien.
      Oder kennst du die Schwarze-Schaf-Ziege aus eigener Erfahrung?

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