Flaschenpost

Flaschenpost-Cartoon
Fasziniert vom Strandgut,
von Muscheln und morschen Holzstücken
zwischen Algen und Tang
halte ich den Blick zu Boden gerichtet — und entdecke
eine leere Flasche.

Und bin enttäuscht:
Kein Brief darin, keine geheimnisvolle Botschaft.
Was hatte ich erwartet?
Eine Bitte um Rettung?
Vielleicht sogar aus mißlicher Vergangenheit?
Ist die Enttäuschung also doch eine Botschaft?
Von mir an mich selbst?

Wähle selbst deinen Weg.
Alles ist weit offen.

Strandgut

Advertisements

Kleine Zen-Pause

Unterwegs in der Stadt – und wenn auch gemütlich mit dem Rad,
ist sie doch ansteckend: die Atmosphäre von Hektik und Hast.
Schneller und schneller trete ich die Pedalen,
und kaum zu Hause angekommen, lege ich los:
Wasserkocher marsch, das Radio an, Tasche auspacken, bis — holterdiepolter —
die Reistüte purzelt, und erste Körner durch die Küche kullern.
Mitten im Griff zum Kehrblech halte ich inne:
Nein, so geht das nicht!
Bus

Radeln-im-Stadtgetümmel

Zu meinem Glück besinne ich mich, auf diese Weisheit des Zen:
„Du hast es eilig? Mach einen Umweg.“
hier und jetzt bedeutet das: Erstmal nur eine Sache:
Das heiße Wasser für den Tee.
Ah, welch wohltuende Pause… bis…
… die unterwegs aufgeschnappte Hast verfliegt…
und als ich mich wieder dem Tun und Machen zuwende, da geht alles ganz mühelos.

TeePause

Reden reden reden

RedenReden-rot

Münder bewegen sich
reden reden reden
sich darstellen
um sich zu zeigen, zu vergewissern:
„Das bin ich!
Mit meiner Geschichte
mit meiner Meinung.
Hört mir zu, seht mich an.“

Warum dieses Festhalten an dem, was war?
Warum dieses Beharren? „So bin ich und nicht anders!“
Warum nicht öfter in Schweigen abtauchen?
Sich in Stille und Leere neu entdecken, neu erfinden.

Herbstgedichte

LeeresNest

Leeres Nest

Bäume hüllen sich in ihre Herbstfarben

bevor sie ihr Laub loslassen.

Zuvor verborgenes wird sichtbar: Ein leeres Nest.

Die junge Vögel sind längst flügge

Zugvögel brechen auf in wärmere Gefilde.

Natur bereitet sich vor auf Ruhe, darin eingebettet

noch unsichtbar: der nächste Zyklus des Wachsens.

Herbstlaub

Stapfen durch rotgoldenes Oktoberlaub im Gras:

Ich sehe mich selbst als Baum

breite meine Äste und Zweige aus

blicke zurück auf diesen Sommer,

auf Erfahrungen schmerzhaft, fröhlich, schön, traurig

immer wieder durchsetzt mit Zweifeln.

Vieles habe ich verwandelt:

Zorn in Vergebung

Angst in Hoffnung

Krankheit in Heilung

Gedanken und Gefühle in Sprache.

Bereitwillig kann ich die Blätter der Erfahrung

dem Wind überlassen und der Erde anvertrauen.

Altes wird aufgelöst, damit das Neue

auf sattem Boden gedeihen kann.

Vogelschwarm

.

Kleines Schiff auf hohem Meer

Allein auf einem kleinen Schiff auf dem weiten Meer

— das kann Furcht auslösen:

Angst davor, von Wind und Wetter herumgeworfen zu werden.

Es geht auch anders: Mit der Strömung fließen

die Flauten akzeptieren und zur Ruhe nutzen

Rundern bei günstigen Winden.

Übung in Aquarell

Das folgende Gedicht habe ich vor vielen, ich weiß gar nicht mehr
wie vielen Jahren geschrieben, und es bildet den Auftakt zu meinem
Gedichtband; „Mein Krähennest“.

Wasserwirbelreise

Erfasst von wirbelnden Wassern

abwärtsgezogen im Strudel

– da hilft keine Abwehr gegen die Reise in die Tiefe

begleitet von Angst vor dem Acheron.

Da hilft nur:

Loslassen

sich überlassen

reisen mit der Strömung

um anzukommen

in einer terra incognita

in den Eingeweiden der Erde

in einer Tiefe

jenseits der vertrauten Welt

– was den Reisenden dort widerfährt

– in einer Zeit jenseits der Zeit –

ist geheim.

Nur loslassen

der Kraft des Strudels vertrauen

sich anvertrauen

ermöglicht den Wieder Aufstieg:

Emporgetragen werden

auf kristallenen Wirbeln

& sich wiederfinden

an der Quelle des Lebens

eines anderen Lebens:

Wo gesehen wird mit klaren Augen

gehört mit offenen Ohren

gesprochen eine wahrhafte Sprache

Versuch, ein Gedicht einzufangen — und was danach geschah

Versuch, ein Gedicht einzufangen

Das Bild lauert genau am Rande des Blickfelds.

Als ich meinen Kopf drehe,

flattern die Wörter auf und davon wie ein Vogelschwarm.

Ich weiß, sie sammeln sich wieder, in ihrer eigenen Symmetrie

Irgendwo hoch oben auf einem Dach oder einem Baum.

Versuchen, sie zurück zu locken führt zu nichts

keinem Vogel, keinem Wort.

Ich ergebe mich dem Nichts

gehe spazieren, mache Rast auf einer Bank

mein Geist wird still wie die Oberfläche eines Teiches… bis…

Etwas rührt sich

Nein, ich habe keine Brotkrumen, und doch strecke ich meine Hand aus

hinaus aus der Stille. und als ich meine Augen öffne

– Überraschung!

Ein Bläuling lässt sich nieder auf meiner Hand.

Wo sind sie, die Wörter?

Dieses Gedicht hatte ich kurz vor meiner Aphasie-Katastrophe für eine Anthologie eingesandt, woran mich erst die Nachricht erinnerte, dass es tatsächlich für eine Veröffentlichung ausgewählt wurde. Als ich es auf der beigefügten Korrekturfahne noch einmal durchlas, erschrak ich: Als hätte ich mir den zeitweisen Verlusts der Sprache vorausgeschrieben, mit den Bildern der Wörte, die auf und davon flattern wie ein aufgeschreckter Vogelschwarm.

(siehe Text „Aphasie“)

Als ich aber bei dem Schmetterling angekommen bin, der auf meiner Hand landet, kann ich schon wieder lächeln: Genauso war es, erforderte gleichermaßen Beharrlichkeit wie unendliche Beduld, die Spracheschmetterlinge wieder herbeizulocken.

Ich bedanke mich bei mir selbst für beides — und für mehr: Für jede neue inspirierende Idee, die mir zufliegt wie aus dem Nichts, und für meine zunehmende Geduld dabei, solche winzigen Keime wachsen zu lassen.