Kurzgeschichte: Der 27-er Club

Dass ich immer mehr Zeit vor dem Fernseher verbrachte, war mir kaum aufgefallen. Bis das Biest eines Abends sein Leben aushauchte. Wegen der Sendung, die ich mir gerade angetan hatte, war es wirklich nicht schade, aber frustriert war ich doch. Bis mir klar wurde, dass ich so manches Mal gedacht hatte, ich könne auch mal was Besseres tun als zur Sofa-Kartoffel zu mutieren. Für‘s erste nahm ich mir den Abwasch vor, und zum Auftakt dieser Aktion drehte ich an meinem alten Küchenradio, um mich unterhalten zu lassen. Auf einem Sender kam nur Laber, laber, auf einem anderen irgendein seichter Pop, mit Reklame durchsetzt… Aber plötzlich rock-röhrte sie mir entgegen: Oh Lord, won‘t you buy me a Mercedes Benz…
Vor meinem Turmbau aus schmutzigem Geschirr fühlte ich mich in meine erste WG versetzt, wo der Abwasch wenigstens noch eine Gemeinschaftsaktion war, zu ähnlicher Musik, und gelegentlich war auch mal genau dieser Song dabei.
Erst die Absage ruft mir in Erinnerung, dass Janis Joplin eine aus dem 27er Club ist, eine von denen, die in exakt diesem Alter von der Bühne des Lebens abgetreten sind, noch bevor sie die Grenze der dreißig erreicht hatten. Trotzdem bezweifle ich, dass mir der Spruch aus jenen Tagen eingefallen wäre, wenn der Moderator ihn nicht gebracht hätte: Trau keinem über 30. Dabei habe ich den nicht nur gekannt, sondern auch beherzigt. Schließlich gehörten auch meine Eltern zu jener Gruppe, und sie boten kein nachahmenswertes Vorbild. So werden wie sie?! Dann lieber jung sterben.

Als ich mich vom dreißigsten Geburtstag noch Lichtjahre entfernt wähnte, konnte ich mir gar nicht vorstellen, diese Grenze zu erreichen, gar nicht zu reden vom Überschreiten. Als es dann doch geschah, hatte ich bereits zwei Suizidversuche hinter mir. Doch zu jener Zeit ging es mir recht gut, und ich dachte: Das hätte ich mir gar nicht zugetraut. Offensichtlich auch nicht viel anderes. Wenn Selbstvertrauen der Schlüssel zum Erfolg ist, dann blieb mir wegen dessen Fehlen so manche Tür verschlossen.
Was den berennenden Wunsch nach einem Mercedes betrifft, da kann ich sagen: So anspruchsvoll bin ich gar nicht. Ich fahre Rad und wäre schon glücklich, wenn ich mal wieder richtig Urlaub machen könnte. So weit weg wie nur möglich.

Mit dem nächsten Song ist tatsächlich noch einer aus dem 27-er Club dran: Jim Morrison. Darin die Zeile: Do you know we‘re ruled by TV?
Auf einmal finde ich es absolut in Ordnung, dass mein Fernseher den Geist aufgegeben hat — weil mir dämmert, dass ich in der letzten Zeit und in diesem einen Punkt tatsächlich dem Beispiel meiner Eltern gefolgt bin.
Wenig später stelle ich fest: So leicht und mühelos, geradezu unbeschwert, habe ich den Abwasch noch nie erledigt. Sonst will ich damit einfach nur fertig werden, so schnell wie möglich. Diesmal war ich in Gedanken bei der Musik und habe mich in die Vergangenheit entführen lassen.

Auf die Musiksendung folgen die Kurznachrichten: Nichts als Krisen rundherum, woraus wie ein steiler Gipfel die globale Finanzkrise herausragt. Noch so etwas, das in meiner Jugend anders war.

Da glaubten die meisten noch unerschütterlich an Wachstum ohne Ende. Während sich heute sogar die noch ziemlich Jungen Gedanken machen über ihre Alterssicherung. Die schon etwas älteren (soll heißen: jünger als ich mit nicht mehr vielen Jahren bis zu 2 mal dreißig) haben entweder schon lange Vorsorge betrieben oder bangen und jammern: Wie soll das bloß werden?
Fast kann ich mich darüber amüsieren, dass andere sich solche Sorgen machen — falls ich mich dabei ertappe, erinnere ich mich daran, dass ich immer noch den Notausstieg wählen kann.

Für heute abend habe ich noch etwas anderes vor: Ich werde den alten Plattenspieler wieder anwerfen, der nicht mehr so ganz rund läuft, und alte LPs sichten, die auch ihre Kratzer abbekommen haben. Nun ja, genau wie ich mit meinen siebenundzwanzig mal zwei. Meine Wahl fällt auf Jimi Hendrix: Auch einer von denen, die vor der Grenze der dreißig den Absprung geschafft haben. Ich mache sogar ein paar Drehungen durch meine Bude — als kleine Feier zum Abschied von der Sofa-Lümmelei und der Droge Fernsehen. Wie eine Kaleidoskop wirbeln mir dabei Szenen aus meiner Jugend durch den Kopf, in denen meine Mutter mit all ihren Ängsten und ihrer Neigung zu Kritik eine herausragende Rolle spielt. Mitten im Song Room full of mirrors bleibe ich wie erstarrt stehen. Spieglein, Spieglein, an der Wand?
Bin ich wirklich nur in Sachen Fernseh-Konsum dem elterlichen Beispiel gefolgt? War nicht mein ganzes bisheriges Leben geprägt von einem tiefsitzenden Misstrauen? Mag sein, dass es mit der Abwehr gegen alles, was meine Eltern mir vermitteln wollten, anfing, und das ließe sich durchaus als vernünftig bezeichnen.

Aber dann — habe ich mein Misstrauen etwa nicht auf das Leben selbst übetragen? Damit wäre ich dann brav den mütterlichen Indoktrinationen gefolgt.
Nun ja, wenn mensch erstmal bei der Arbeitsagentur gelandet ist, gibt es nicht mehr viele Gründe für Vertrauen. Und auch sonst sehe ich keinen Grund, Politikern oder irgendeinem System zu vertrauen, das von dieser Spezies kreiert wurde.
Aber wenn ich bei mir selbst bleibe und tiefer schaue: Wenn jemand, so wie ich, trotz Begabung und guter Ansätze, etwas daraus zu machen, nichts erreicht hat im Leben: Dann muss sich dieses Misstrauen wohl auch gegen mich sich selbst richten.

Wie war noch mein Vorsatz, lange bevor ich die magische dreißig erreicht hatte? Lieber jung sterben. Nun, warum nicht einfach — jung leben? Egal, wie mein Alter laut Ausweis sein sollte. (Unterschied zwischen errechnetem und gefühltem Alter.) Frida sorglos…. vielleicht muss ich gar nicht so misstrauisch sein mir selbst gegenüber? Wie wär‘s, wenn ich mal das ganze Leben mit dieser lockeren Haltung angehe, mit der ich das bizarre Polit-Theater samt Finanzkrise aus der Distanz betrachten kann?
Akzeptanz – die Haben-Seite betrachten und den Gewinn sehen.
Wenigstens glaube ich nicht mehr, dass Glück oder auch nur Zufriedenheit davon abhängt, mir jeden neuen Schnick-Schnack kaufen zu können. Diese Regelsätze für Langzeitarbeitslose verhelfen ganz entschieden zum Entzug von Konsumräuschen. Und darin liegt schließlich auch eine Art von Freiheit. Und sei es nur die, nicht mehr viel zu verlieren zu haben.

Und was möchte ich mit diesem Gefühl von Freiheit anfangen? Warum nicht das, was mir immer am meisten Freude gemacht hat — bis nach zahllosen Absagen die Luft raus war?
Einen neuen Roman schreiben!

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Schamanische Reise in die Drachenhöhle

Drachenfrau B

Wieder einmal hatte ich mich so verletzlich gefühlt in der Welt der Menschen, so hilflos und schwach ― ebenso sehr wie damals, als ich geflohen war und die Kraft eines schwarzen Drachen mir geholfen hatte. In meiner Not erinnerte ich mich an ihn, den alten schwarzen Drachen, und machte mich auf den Weg zu seiner Höhle.
Als ich endlich, nach einer langen, erschöpfenden Wanderung, vor dem dunklen Höhleneingang stehe, zögere ich. Hier draußen ist heller Tag. Aber waren für mich nicht auch die hellsten Tage oft voller Dunkelheit gewesen? Diese Art von Dunkel war es ja, die mich hierher geführt hat. Dennoch lodert jetzt Angst auf. Aber wohin sonst könnte ich mich wenden? Wozu habe ich diesen weiten Weg zurückgelegt, bis vor die Höhle des Drachen?
Also trete ich ein in die Dunkelheit. Wasser tropft von den Höhlenwänden. Sehen kann ich es nicht, aber spüren und hören. Pling! Pling!, begleiten Wassertropfen meinen Weg. Zu ihrer Melodie — Pling! Pling! — setze ich Schritt vor Schritt. Je weiter ich in die Finsternis vordringe, umso mehr scheint sie sich aufzuhellen. Als dringe aus der Tiefe der Höhle ein schwaches Leuchten, wie von klaren Kristallen. Also doch ein Drachenschatz? Aber wir waren uns doch einig, dass dieser Schatz aus Weisheit besteht.
Mein Herz zittert vor Erwartung, vor Furcht und Freude wie das eines Vogels in seinem Käfig, der sich nach Freiheit sehnt und doch davor fürchtet.
Als ich laute Atemgeräusche höre, nehme ich mit der Kraft meiner Vorstellung mein unruhiges Herz in beide Hände. Da lebt etwas! Etwas Bedrohliches? Warum fürchte ich mich? Ich bin doch vertraut mit dem Drachen. Aber seit unserer letzten Begegnung ist so viel Zeit vergangen… Verronnen, so wie das Wasser von den Höhlenwänden tröpfelt.
Vorsichtig tasten meine Füße über den Boden, näher und näher heran an das Atmen. Nur einen schattenhaften Umriss kann ich erkennen, eine Schwärze in der Dunkelheit. „Bist du es?” wage ich zu flüstern.
Er ist es, und er hat mich längst wahrgenommen, lange bevor ich ihn erkennen kann. Ich höre ein tiefes Grollen, und nun macht er mir Vorwürfe mit einer Stimme, die schwach klingt, nicht so tief und stark und mächtig wie ich sie erinnere.
„Meine Kraft wollte ich dir geben, und du hast sie nicht genommen. Jetzt ist sie zerflossen, ist faulig geworden wie stehendes Wasser.“
„Ich war gefangen im Gestrüpp der Menschenwelt, und es war nicht einfach, mich daraus zu lösen,“ stammele ich. „Es tut mir leid.“
„Leid! Leid! Auch ich habe gelitten. Zuerst haben die Menschen die Existenz des Drachengeschlechts völlig geleugnet. Wie endlos lange habe ich hier gehaust, verborgen und verlassen. Dann bist du gekommen, und es gab wieder Leben und Hoffnung. Und dann bist du wieder gegangen. Kraft, die nicht weitergegeben werden kann, verdirbt irgendwann.“
Er weint, weint faulige Tränen. Alles ist faulig und stinkend in der Höhle. So war es nicht, als ich zum ersten Mal hier war. Ich ekle mich davor und möchte am liebsten umkehren. Aber dieser Drache hat mir geholfen mit seiner Kraft, und ich mag ihn, ich vertraue ihm, und deshalb möchte ich irgend etwas tun für ihn. Warum nur hatte ich ihn vergessen? Weil ich meinte, mich zufrieden einrichten zu können in der normalen Menschenwelt?
So lange hat er vergebens gewartet im Dunkel…
Also überwinde ich meinen Ekel und berühre seine schwärende schwarze Schuppenhaut, doch ich fühle mich elend und schwach dabei. Gefühle, die schon da waren, bevor ich hierher zurückgekehrt bin. Und nur deshalb, weil ich mich so elend gefühlt hatte, habe ich mich erinnert an seine Drachenkraft. Die nun dahinschwindet. Meine Reue und mein Mitgefühl werden stärker als Ekel und Schwäche; und ich lege beide Arme um den mächtigen Drachenrumpf.
Seine bernsteingelben Drachenaugen leuchten auf vor Freude über die Berührung, leuchten warm und golden, viel heller als der kristallene helle Schein aus den Tiefen der Höhle. Er hebt den Kopf und stößt eine Feuerflamme aus wie eine Fackel, mit der er das zurückkehrende Leben feiert ― doch es scheint ihn große Anstrengung zu kosten. Und der faulige Schwefelgeruch, der ihn umgibt, wird stärker, wird beinah unerträglich.

Drachenei

Die Flammen verbrennen ihn, nähren sich von seinem Leib! Mein Drache zerfließt zu einer ekelhaften Lache, auf der die Flammen tanzen.
Entsetzt bin ich und traurig zugleich: Er, der so stark und mächtig war. Nur Asche bleibt zurück. Und ich fühle mich schuldig. Wäre ich doch nur früher zurückgekehrt!
Da entdecke ich inmitten der Asche ein Stück Kohle, und das beginnt von innen zu glühen — es leuchtet aus sich selbst heraus. Plötzlich wird die Luft ganz klar und rein. Und die eben noch rot-glühende Kohle liegt als goldener Klumpen da. Vorsichtig strecke ich die Hand danach aus und berühre ihn mit den Fingerspitzen. Der Goldklumpen ist nicht mehr heiß, sondern angenehm warm.
Aber was soll ich mit Gold, das nicht lebendig ist? Wieder werde ich von Verzweiflung überflutet: Ich war doch gekommen, den Drachen zu suchen. Und fand ihn sterbend. Einst schien er so Furcht einflößend ― und doch hat er mir geholfen mit seiner Drachenkraft. Er schien so gefährlich zu sein ― und war doch so sanft. War erst so stark und dann so schwach. Er atmete, lebte, spie Feuer, und nun ist er nicht mehr. Ich bin zu spät gekommen. Ich bin verzweifelt.
Als ich das eiförmige Gebilde vorsichtig mit beiden Händen umfasse, bin ich überrascht, wie leicht es ist. Und irgend etwas scheint darin zu pulsieren. Ist das sein Vermächtnis? Wenn er mir dies hinterlassen hat, was soll ich tun damit? Ich schließe die Augen, frage mich, wie und wo ich eine Antwort finden kann.
Da spüre ich eine Bewegung in der Höhlung meiner Hände. Ich erschrecke, doch da regt sich auch Neugier. Wenn ich jetzt die Augen öffne, werde ich dann die Antwort auf meine Frage finden?
Das goldene Ei ist aufgebrochen, und in meinen Händen bewegt ein winziges Drachenkind seine Flügel, erstaunt schaut es in die Welt, die eine dunkle Höhle ist. Es ist so klein, so zart, es wirkt so schutzlos.

Aber ich war doch die Schwache, die Schutz suchen wollte bei einem starken schwarzen Drachen! Die einen sterbenden Drachen fand, den seine Kraft verließ, der von seinem eigenen Feuer verbrannt wurde. Soll nun ich die Starke sein für ein schutzbedürftiges Drachenkind? Seine Haut ist noch kein fester Schuppenpanzer, sie fühlt sich sehr zart an. Und der Blick aus seinen dunklen Augen ist so vertrauensvoll. Wer Vertrauen zeigt, kann umso leichter verletzt werden. Diese Lektion habe ich gründlich gelernt.
Ich blicke hinunter auf das winzige Wesen in der Wölbung meiner Hände und fühle mich ratlos. Und erschrecke furchtbar durch ein Rumpeln, Poltern und Krachen, das von allen Seiten zu kommen scheint. Es ist unter und über mir, umgibt mich ringsherum. Einen Moment stehe ich starr vor Schreck: Wird nun, da der alte Drache nicht mehr ist, die ganze Höhle zerfallen? Ich muss unbedingt das Drachenkind schützen! Dieses winzige Wesen ist seine Hinterlassenschaft. Und wenn ich verantwortlich bin, kann ich nicht einfach fliehen. Behütend schließe ich meine Hände um den winzigen Drachen, atme tief durch und wende mich um. Und sehe nichts als Steinhaufen, Felsentrümmer, Höhlentrümmer. Der Weg, auf dem ich gekommen bin, ist versperrt. Aber dort drüben: ein Riss in der Höhlenwand, wo zuvor keine Öffnung war, gerade breit und hoch genug, dass ich mich hindurch schlängeln kann, auf eine Hand gestützt, in der anderen halte ich vorsichtig das zarte Drachenwesen.

Draußen ist Nacht, doch es ist keine finstere Nacht: die Dunkelheit wird erhellt von Mond- und Sternenschein. Nächtliche Lichter über einer Landschaft, die zum Betreten einlädt. Ich richte mich auf, steige vorsichtig über Geröll hinweg und fühle mich sicher, als meine Füße weiches Gras berühren. Hohe Bäume bieten ihren Schutz an, und irgendwo in der Nähe plätschert eine Quelle…
„Komm, kleiner Drache, lass uns hinausgehen in die klare Nacht. Und dann lass uns sehen, was der kommende Tag uns zeigen wird.“

Drachen, frisch geschlüpft

Ein Märchen vom Festhalten und Loslassen

Ein Märchen vom Festhalten und Loslassen

Der Apfelbaum stand in einem Obstgarten, zwischen vielen anderen Obstbäumen. Es war das erste Jahr, in dem man wirklich von ihm sagen konnte, daß er in voller Blüte stand. Er war jünger als alle anderen Bäume in diesem Garten. Im vergangenen Jahr hatte es während der Blütezeit Frost gegeben, und alle Blüten, die er hervorgebracht hatte, waren erfroren. Die älteren Bäume, die sich an viele Jahre der Baumerfahrung erinnern konnten, hatten schon einige solcher Schicksalsschläge überstanden und nahmen die Launen des Wetters mit Gleichmut hin. Der junge Apfelbaum jedoch hatte das ganze Jahr, und besonders den ganzen langen Winter hindurch seinem Frühlingskleid aus Blütenflohr nachgetrauert. Um so mehr war er natürlich stolz gewesen auf die vielen Knospen, die sich zu ebenso vielen duftigzarten Blüten entfaltet hatten, mehr denn jemals in seinem jungen Leben, denn er war ja doch gewachsen während des vergangenen Jahres, auch wenn es so enttäuschend verlaufen war.

Sein Stolz und seine Freude aber hatte eine Schattenseite: Im Sonnenschein war er glücklich, doch er begann, sich zu sorgen, sobald eine Wolke sich vor die Sonne schob. Würde ein heftiger Regen seine duftende Blütenpracht zerstören? Und erst wenn es Abend wurde: Würde die Nacht etwa so kalt werden, daß Nachtfröste ihn seines Blütenschmucks berauben würden?

Doch all seine Ängste erwiesen sich als unbegründet – und sie hätten ja ohnehin keinen Einfluß gehabt auf das wendische Wetter -, und seine Blüten verwandelten sich allmählich in winzige Fruchtansätze. Er trauerte den Blüten nach, gerne hätte er sein zartes Frühlingskleid noch ein wenig länger getragen, bevor es in das schlichtere, dunklere Sommerkleid verwandelt wurde. Aber er erinnerte sich an die vielen Früchte, die er an den anderen Bäumen so bewundert hatte, als er selbst noch so jung gewesen war, daß er fast all seine Kraft für sein Wachstum gebraucht hatte und nur wenige Früchte getragen hatte.

Während der Baum gespannt und ein wenig ungeduldig die langsame Entwicklung seiner Früchte verfolgte, vergaß er ganz, den Blüten nachzutrauern. Er genoß den warmen Sommer, der viel Sonnenschein brachte und milden Regen zur rechten Zeit.

»Ein Sommer wie im Bilderbuch«, hörte er manchmal die Menschen sagen, die das Haus neben dem Garten bewohnten. Er wußte, daß diese Menschen im Herbst mit Leitern und Körben kommen würden, um die Früchte der Bäume einzusammeln. Während es die anderen Bäume stolz machte und mit Freude erfüllte, daß ihre Früchte gebraucht wurden, wollte der Apfelbaum seine Früchte nicht hergeben. Bevor sie noch ganz reif waren, bemühte er sich, sie festzuhalten an seinen Zweigen. Er wußte, er durfte ihnen den letzten Saft, den sie zur völligen Reife brauchten, nicht mehr geben, sonst würde er sie alle verlieren.

In diesem Herbst gab es eine reiche, üppige Ernte. Alle Bäume ließen schon Früchte vom Übermaß ihres Reichtum, der die Zweige bog, ins hohe Gras fallen, wo sich in der Dunkelheit der Nacht Igel und Schnecken an ihnen labten. Alle bis auf diesen einen Baum. Mit seinem brennenden Wunsch, all seine Früchte für sich zu behalten, hatte er es erreicht, daß sie nicht voll ausreiften und ganz fest mit seinen Zweigen verbunden blieben. Die Vögel, die sich in dem Garten an der Vielfalt der Nahrung freuten, wandten sich lieber den reifen Früchten der anderen Bäume zu, und dem Apfelbaum war es nur recht so. Oft waren auch Kinder im Garten, wo sie spielten und natürlich auch von dem Obst naschten. Als ein Mädchen sich einen Apfel vom Baum pflückte und hineinbiß, verzog es den Mund und spuckte den Bissen gleich wieder aus. »Diese Äpfel schmecken nicht«, rief es enttäuscht, »sie sind noch ganz hart und sauer.«

Ein wenig fühlte sich der Baum gekränkt, weil seine Äpfel weniger gut sein sollten als das Obst all der anderen Bäume. Aber zugleich triumphierte er innerlich. »Dann werdet ihr mir meine Früchte auch nicht stehlen.«

Bald kam tatsächlich die Zeit, wo die Menschen mit Leitern und Körben anrückten, um im Obstgarten Ernte zu halten. Der Baum, der in der hinteren Ecke des Gartens stand, sah zu, wie sie Korb auf Korb füllten. Krampfhaft hielt er all seine Früchte fest, entschlossen sie niemals herzugeben. Und er hatte tatsächlich den erwünschten Erfolg. Ein Mann pflückte einen Apfel, der sich nur sehr schwer vom Zweig lösen ließ. Er hielt den Apfel in der Hand, sah ihn zweifelnd an, biß hinein, verzog das Gesicht und spuckte das abgebissene Stück sofort wieder aus. Achtlos warf er den angebissenen Apfel ins Gras.

»Was ist nut mit diesem Baum los? Diese Äpfel sind ja ungenießbar. Eigentlich müssten die längst reif sein. Und eine gute Sorte ist es doch eigentlich.«

Eine gute Sorte? Das hörte der Baum gern und fühlte sich geschmeichelt, wenn er auch andererseits wieder gekränkt war, weil anscheinend niemand seine Äpfel zu würdigen wußte. »Ja«, dachte er boshaft, »eine gute Sorte, aber nicht für euch. Das sind meine Früchte und sollen meine bleiben.«

So stand er den ganzen Herbst hindurch im Garten, mit voll beladenen Zweigen, die sich unter der Last seiner Äpfel bogen. Einige Male noch kamen die Menschen in den Garten, um sich den Baum anzusehen. Das Ergebnis war immer das gleiche: Die Äpfel gelangten nicht zur Reife, waren ungenießbar.

»Da hat uns der Gärtner aber einen sonderbaren Baum angedreht,« sagte einer. »Wir sollten ihn im nächsten Jahr abhauen,« sagte ein anderer. »Er nimmt nur den anderen Bäumen unnötig Kraft weg. Ich werde demnächst mal mit dem Gärtner sprechen.«

Der Apfelbaum, der dies gehört hatte, erzitterte von den tiefsten Wurzeln bis hinauf in die Zweige, die sich unter der Last der Äpfel bogen. Er sollte zerstört w erden, nur weil er nicht bereit war, all seine Früchte den Menschen zu opfern, die nichts zu ihrem Wachstum getan hatten? Aber gerade diese Angst und Empörung (und ein großer Anteil Trotz) brachte ihn dazu, seine Äpfel nur um so fester zu halten.

An anderen Bäumen hingen nur noch vereinzelte Früchte, ganz hoch oben, wo die Menschen sie nicht erreicht hatten. Und all diese letzten Zeichen von Reife wurden von den ersten starken Winden des Herbstes herabgeworfen – nicht aber die Früchte des Apfelbaumes. Verbissen trotzte er den Herbstwinden, als hielte er sie für seine Feinde, die nur kämen, ihn zu berauben.

Dann aber, eines Nachts, kam ein Sturm auf, dem der Baum nicht mehr gewachsen war. Seine Äste, von ihrer schweren Last beinahe zu Boden gezogen, konnten sich nicht der Bewegung des Sturms beugen. All der entschlossene Wille des Baums half ihm nicht durch diese Nacht.

Am nächsten Morgen, als der Sturm sich gelegt hatte, waren fast alle seine Äste mitsamt ihrer Apfellast abgebrochen. Auch andere Bäume hatten einzelne Äste verloren, besonders die älteren, die nicht mehr so geschmeidig waren. Der Apfelbaum aber bot wirklich ein traurigen Anblick, wie er seine Aststümpfe von sich reckte, als wolle er immer noch dem Herbstwind damit drohen. Um ihn herum am Boden lagen seine abgebrochenen Äste, Zweige und seine vielen Äpfel, die nie ganz das letzte Stadium der Reife erreicht hatten.

Zuerst war der Baum zornig, dann bekam er Angst. Sicher würden die bösen Menschen sich jetzt an ihr Vorhaben, ihn zu fällen, erinnern. Tatsächlich kamen sie an diesem Morgen, den Schaden zu besehen, den der Sturm angerichtet hatte.

»Um den ist es nicht schade, der sollte ohnehin weg im nächsten Frühjahr«, sagte einer, auf den Apfelbaum weisend.

»Dann wird es also bald aus sein mit mir«, dachte der Baum, und nachdem die heftigen Wogen von Zorn und Angst verebbt waren, gab es angesichts dieser Gewißheit nur noch eine tiefe Traurigkeit in ihm. In dieser Traurigkeit verbrachte er den kalten Winter, der den anderen Bäumen eine Ruhepause zum Sammeln neuer Kräfte für den kommenden Frühling war.

Versunken in seiner Traurigkeit, wie der Baum war, merkte er erst, daß der Frühling gekommen war, als er die Bäume um ihn herum geschmückt sah mit den ersten zartgrünen Blättern. Er verglich sich mit den anderen, fand sich häßlich und mißgestaltet, wie er so dastand mit seinen abgebrochenen Ästen. Und er dachte daran, daß dieser Frühling sein letzter sein sollte. Er fühlte sich schwach, er war verzweifelt, aber in einer Anwandlung von Trotz beschloß er, wenigstens einige Blätter auszutreiben. »Mit einem Hauch von hellem Grün will auch ich mich schmücken und die Wohltaten der Sonne genießen, solange ich das noch kann«. Und das sollte länger sein als er ahnte. Im Haus der Menschen starb jemand, dann wurde ein Kind geboren, Feste des Abschieds und des Willkommens fanden statt, und über so viel Veränderung vergaßen die Menschen den Baum.

Und als die Tage länger wurden und die Wärme der Sonne zunahm, brachte der Baum nicht nur neue Zweige und grünes Laub, sondern auch die ersten Knospen hervor. So hatte also auch in ihm, obwohl er gefangen gewesen war in seiner Traurigkeit, insgeheim die erneuernde Kraft der Natur gewirkt und ermöglichte ihm nun neues Wachstum. Verglichen mit den ihn umgebenden Bäumen sah er immer noch arg mitgenommen aus, weshalb er in diesem Jahr nicht übermäßig stolz war auf seine Blüten. Er freute sich einfach darüber — es war eine bescheidene, demütige Freude.

Als der Sommer gerade auf das Frühjahr gefolgt war, hörte er einen der Menschen sagen: »Wie schnell die Zeit wieder vergangen ist. Inzwischen ist es doch zu spät, noch einen neuen Baum zu pflanzen. Lassen wir ihn also stehen bis zum Herbst.«

Den ganzen Sommer würde er also Zeit haben — und vielleicht würden die Menschen es sich doch noch anders überlegen?

So ungewiß war die Frage seines weiteren Bestehens, daß der Baum keine Sorgen mehr an das wechselhafte Wetter verschwendete. Alles schien ihm neu, wie nie zuvor erlebt: der Wärme und Licht spendende Sonnenschein, der erfrischende Regen — und sogar die heftigen Winde, die gelegentlich an seinen jungen Zweigen rüttelten. Es war durchaus Traurigkeit dabei, wenn er das Dunklerwerden des Laubes und das Reifen der Früchte aufmerksam verfolgte, denn das brachte ihn wohl unweigerlich seinem Ende näher. Und doch war er fasziniert wie nie zuvor von dem Rhythmus des Jahres, der Entwicklung der Bäume um ihn herum — und natürlich auch von seiner eigenen. Wozu etwas festhalten, wenn er selbst keine Dauer haben sollte?

Als der Spätsommer herankam und damit die Erntezeit, trug der Baum zwar nur wenige, aber voll ausgereifte Früchte in seinem Geäst.

Zur Erntezeit gingen ein Mann und ein Kind zu dem Baum. Der Mann pflückte einen Apfel, probierte, lobte und gab auch dem Kind einen Apfel. »Na, dieses Jahr sind die Äpfel aber so, wie sie besser nicht sein könnten. Vielleicht hatte er einfach zu früh zu viele Früchte. Ein wenig unansehnlich steht er ja da, aber das wird sich noch auswachsen.«

Diesmal erbebte der Baum vor Freude und Glück von seinen tiefsten Wurzeln durch den Stamm hinauf bis zu den kleinsten Zweigen. Ein Apfel fiel herab, den Menschen direkt vor die Füße, und der Baum spürte dabei die Freude des Gebens. Warum sollte er festhalten?

Ein neuer Frühling würde kommen mit neuem Leben und mit Blütenpracht, Sommer und Ernte würden folgen, und dann die Ruhe des Winters, wieder und wieder.

Was gab es da festzuhalten?

Roman: Ein Fall von Borderline

Die Künstlerin Stella hat bereits mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich, die zu unterschiedlichen Diagnosen führe, wobei sie sich mit der letzten, Borderline-Syndrom, völlig identifizieren kann, wegen ihrer Assoziation mit Grenzüberschreitungen und dem Ausbrechen aus engen Grenzen. Ihr Bericht von psychiatrischen und therapeutischen Erfahrungen ist manchmal lapidar, manchmal rebellisch, dann wieder grüblerisch und gelegentlich sogar weise.

Aufgrund ihrer Lebensgeschichte und als noch nicht sehr erfolgreiche Malerin sieht sich Stella als gesellschaftliche Außenseiterin, kann dieser prekären Situation aber durchaus Positives abgewinnen, frei nach dem Motto: Nur, wer aus sämtlichen Rahmen gefallen ist, kann das ganze Bild sehen, anders als diejenigen, die im Bild gefangen sind.

Allmählich verlagert sich Stellas Aufmerksamkeit auf die Beziehung zu   Aliena, ihrer unsichtbare Spielgefährtin aus Kindertagen. Inzwischen hat die Malerin zu dieser Freundin eine zwiespältige Einstellung. Einerseits verdankt sie ihr kreative Inspirationen, andererseits macht es sie neidisch, wenn ihre Komplementärfrau in Träumen ihre mühelose Kreativität vorführt, während Stella sich mit den Problemen der materiellen Welt herumschlägt, ob es dabei nun um ihre finanzielle Situation geht oder um künstlerische Techniken.

Angesichts dieses scheinbaren Wetteiferns schlägt Stellas Neid schließlich um in heftigen Zorn, der in den Plan mündet, die einstige Spielgefährtin in ein Bild zu ver-bannen.  Doch als dieses Bann-Bild fertig ist, fordert sie, verärgert über einen Patzer beim Malen, ihr Alter ego auf: „Komm doch und tausch mit mir!“

Im Epilog wird von den Folgen dieses vermeintlichen Tausches  erzählt, der  für eine Verschmelzung steht mit dem, was in spiritueller Literatur oft als Höheres selbst bezeichnet wird. (Allerdings geht Stella in einer  esoterischen Episode nicht besonders schmeichelhaft mit diesem Thema um.) Letztlich bleibt die Aufforderung zum Tausch und was sich daraus entwickelt für vielerlei Deutungen offen.

Als ich im Frühjahr damit beschäftigt war, meinen jetzt vorliegenden Roman „Ein Fall von Borderline“ für die Veröffentlichung vorzubereiten, da landete ich statt am Computer im Krankenhaus. Der Herzinfarkt, der mich dorthin verfrachtet hatte, schien von glimpflichem Verlauf — wäre da nicht die sensible Reaktion meines Körpers auf Medikamente jeder Art. Unmittelbar auf den überstandenen Infarkt folgte eine Hirnblutung – und die wiederum wirkte auf das Sprachzentrum — Aphasie!

Ich war nicht mehr in der Lage, einen vollständigen Satz zu artikulieren, ich war nicht mehr fähig, geschriebene Wörter in gesprochene Sprache zu verwandeln.

Ein Arzt teilte meiner Schwester mit, dass er die Chancen auf Verbesserung dieses Zustandes sehr gerin einschätzte.

Doch nachdem in einer Spezialklinik fast alle Medikamente abgesetzt worden waren, kehrte… langsam und allmähliche… die Sprache zurück. Der mündliche Ausdruck machte mir immer dann am wenigsten Probleme, wenn ich einfach sagen wollte, was mir gerade in den Sinn kam — was so weit ging, dass Freunde und Verwandte bei Besuchen oder Telefonanrufen ihre Freute zum Ausdruck brachten, weil ich schon wieder sehr „normal“ klang. Wenn ich aber als Antwort auf eine Frage nach einem ganz bestimmten Wort suchte — dann schienen sich die Wörter beharrlich zu verstecken. Geradezu niederschmetternd waren meine Abstecher in den Park der Klinik: So viele Pflanzen in voller Blüte — für mich jedoch waren sie wie das wiedersehen mit alten Bekannten, deren Namen mir partout nicht einfallen wollte.

Mein besonderer Dank gilt den Sprachtherapeuten, die mir Mut machten mit der Versicherung, dass mir die Sprache nicht etwa weitgehend abhanden gekommen sei, sondern dass es jetzt zunächst um eine neue Art des „Aufspürens“ gehe.

So manches Mal staunte ich über mich selbst, wenn ich vor Freude strahlte, weil mir ein gesuchtes Wort wieder eingefallen war.

Mich freuen, weil in dieser Ödnis das eine oder andere Wort wieder auftaucht? Ja, ich freute mich über solche kleinen Fortschritte, aber ich tat noch mehr: Ich griff mir eine Zeitschrift mit einem substanziellen Text, wobei anfänglich schon die Überschriften erhebliche Probleme bereiteten. Ich machte mir Notizen in einer Kladde, ohne mich durch die massenhaften Schreibfehler demotivieren zu lassen — denn wie soll ich mich wieder in etwas üben, wenn ich es nicht praktiziere?

Auf die Zeitschrift folgte ein Krimi, in der Sprachtherapie folgten rasante Fortschritte.

 Inzwischen bin ich längst wieder zu Hause, und als ich das erste Mal wieder vor meinem Computer saß, war das, als müsste ich Erinnerungen aus uralter Zeit aktivieren: Wie funktioniert dies, wie geht denn das noch? Immer noch neige ich beim Schreiben dazu, Buchstaben zu verwechseln: B statt P oder umgekehrt, U statt O, und wenn auch weniger häufig und massiv — die Wörter treiben immer noch ihr Versteckspiel mit mir.

Veröffentlicht bei Verlag Epubli, ISBN 978-3-8442-2648-5

Das ist die E-Book-Version :ISBN 978-3-8442-2649-2