Ein Märchen vom Festhalten und Loslassen

Ein Märchen vom Festhalten und Loslassen

Der Apfelbaum stand in einem Obstgarten, zwischen vielen anderen Obstbäumen. Es war das erste Jahr, in dem man wirklich von ihm sagen konnte, daß er in voller Blüte stand. Er war jünger als alle anderen Bäume in diesem Garten. Im vergangenen Jahr hatte es während der Blütezeit Frost gegeben, und alle Blüten, die er hervorgebracht hatte, waren erfroren. Die älteren Bäume, die sich an viele Jahre der Baumerfahrung erinnern konnten, hatten schon einige solcher Schicksalsschläge überstanden und nahmen die Launen des Wetters mit Gleichmut hin. Der junge Apfelbaum jedoch hatte das ganze Jahr, und besonders den ganzen langen Winter hindurch seinem Frühlingskleid aus Blütenflohr nachgetrauert. Um so mehr war er natürlich stolz gewesen auf die vielen Knospen, die sich zu ebenso vielen duftigzarten Blüten entfaltet hatten, mehr denn jemals in seinem jungen Leben, denn er war ja doch gewachsen während des vergangenen Jahres, auch wenn es so enttäuschend verlaufen war.

Sein Stolz und seine Freude aber hatte eine Schattenseite: Im Sonnenschein war er glücklich, doch er begann, sich zu sorgen, sobald eine Wolke sich vor die Sonne schob. Würde ein heftiger Regen seine duftende Blütenpracht zerstören? Und erst wenn es Abend wurde: Würde die Nacht etwa so kalt werden, daß Nachtfröste ihn seines Blütenschmucks berauben würden?

Doch all seine Ängste erwiesen sich als unbegründet – und sie hätten ja ohnehin keinen Einfluß gehabt auf das wendische Wetter -, und seine Blüten verwandelten sich allmählich in winzige Fruchtansätze. Er trauerte den Blüten nach, gerne hätte er sein zartes Frühlingskleid noch ein wenig länger getragen, bevor es in das schlichtere, dunklere Sommerkleid verwandelt wurde. Aber er erinnerte sich an die vielen Früchte, die er an den anderen Bäumen so bewundert hatte, als er selbst noch so jung gewesen war, daß er fast all seine Kraft für sein Wachstum gebraucht hatte und nur wenige Früchte getragen hatte.

Während der Baum gespannt und ein wenig ungeduldig die langsame Entwicklung seiner Früchte verfolgte, vergaß er ganz, den Blüten nachzutrauern. Er genoß den warmen Sommer, der viel Sonnenschein brachte und milden Regen zur rechten Zeit.

»Ein Sommer wie im Bilderbuch«, hörte er manchmal die Menschen sagen, die das Haus neben dem Garten bewohnten. Er wußte, daß diese Menschen im Herbst mit Leitern und Körben kommen würden, um die Früchte der Bäume einzusammeln. Während es die anderen Bäume stolz machte und mit Freude erfüllte, daß ihre Früchte gebraucht wurden, wollte der Apfelbaum seine Früchte nicht hergeben. Bevor sie noch ganz reif waren, bemühte er sich, sie festzuhalten an seinen Zweigen. Er wußte, er durfte ihnen den letzten Saft, den sie zur völligen Reife brauchten, nicht mehr geben, sonst würde er sie alle verlieren.

In diesem Herbst gab es eine reiche, üppige Ernte. Alle Bäume ließen schon Früchte vom Übermaß ihres Reichtum, der die Zweige bog, ins hohe Gras fallen, wo sich in der Dunkelheit der Nacht Igel und Schnecken an ihnen labten. Alle bis auf diesen einen Baum. Mit seinem brennenden Wunsch, all seine Früchte für sich zu behalten, hatte er es erreicht, daß sie nicht voll ausreiften und ganz fest mit seinen Zweigen verbunden blieben. Die Vögel, die sich in dem Garten an der Vielfalt der Nahrung freuten, wandten sich lieber den reifen Früchten der anderen Bäume zu, und dem Apfelbaum war es nur recht so. Oft waren auch Kinder im Garten, wo sie spielten und natürlich auch von dem Obst naschten. Als ein Mädchen sich einen Apfel vom Baum pflückte und hineinbiß, verzog es den Mund und spuckte den Bissen gleich wieder aus. »Diese Äpfel schmecken nicht«, rief es enttäuscht, »sie sind noch ganz hart und sauer.«

Ein wenig fühlte sich der Baum gekränkt, weil seine Äpfel weniger gut sein sollten als das Obst all der anderen Bäume. Aber zugleich triumphierte er innerlich. »Dann werdet ihr mir meine Früchte auch nicht stehlen.«

Bald kam tatsächlich die Zeit, wo die Menschen mit Leitern und Körben anrückten, um im Obstgarten Ernte zu halten. Der Baum, der in der hinteren Ecke des Gartens stand, sah zu, wie sie Korb auf Korb füllten. Krampfhaft hielt er all seine Früchte fest, entschlossen sie niemals herzugeben. Und er hatte tatsächlich den erwünschten Erfolg. Ein Mann pflückte einen Apfel, der sich nur sehr schwer vom Zweig lösen ließ. Er hielt den Apfel in der Hand, sah ihn zweifelnd an, biß hinein, verzog das Gesicht und spuckte das abgebissene Stück sofort wieder aus. Achtlos warf er den angebissenen Apfel ins Gras.

»Was ist nut mit diesem Baum los? Diese Äpfel sind ja ungenießbar. Eigentlich müssten die längst reif sein. Und eine gute Sorte ist es doch eigentlich.«

Eine gute Sorte? Das hörte der Baum gern und fühlte sich geschmeichelt, wenn er auch andererseits wieder gekränkt war, weil anscheinend niemand seine Äpfel zu würdigen wußte. »Ja«, dachte er boshaft, »eine gute Sorte, aber nicht für euch. Das sind meine Früchte und sollen meine bleiben.«

So stand er den ganzen Herbst hindurch im Garten, mit voll beladenen Zweigen, die sich unter der Last seiner Äpfel bogen. Einige Male noch kamen die Menschen in den Garten, um sich den Baum anzusehen. Das Ergebnis war immer das gleiche: Die Äpfel gelangten nicht zur Reife, waren ungenießbar.

»Da hat uns der Gärtner aber einen sonderbaren Baum angedreht,« sagte einer. »Wir sollten ihn im nächsten Jahr abhauen,« sagte ein anderer. »Er nimmt nur den anderen Bäumen unnötig Kraft weg. Ich werde demnächst mal mit dem Gärtner sprechen.«

Der Apfelbaum, der dies gehört hatte, erzitterte von den tiefsten Wurzeln bis hinauf in die Zweige, die sich unter der Last der Äpfel bogen. Er sollte zerstört w erden, nur weil er nicht bereit war, all seine Früchte den Menschen zu opfern, die nichts zu ihrem Wachstum getan hatten? Aber gerade diese Angst und Empörung (und ein großer Anteil Trotz) brachte ihn dazu, seine Äpfel nur um so fester zu halten.

An anderen Bäumen hingen nur noch vereinzelte Früchte, ganz hoch oben, wo die Menschen sie nicht erreicht hatten. Und all diese letzten Zeichen von Reife wurden von den ersten starken Winden des Herbstes herabgeworfen – nicht aber die Früchte des Apfelbaumes. Verbissen trotzte er den Herbstwinden, als hielte er sie für seine Feinde, die nur kämen, ihn zu berauben.

Dann aber, eines Nachts, kam ein Sturm auf, dem der Baum nicht mehr gewachsen war. Seine Äste, von ihrer schweren Last beinahe zu Boden gezogen, konnten sich nicht der Bewegung des Sturms beugen. All der entschlossene Wille des Baums half ihm nicht durch diese Nacht.

Am nächsten Morgen, als der Sturm sich gelegt hatte, waren fast alle seine Äste mitsamt ihrer Apfellast abgebrochen. Auch andere Bäume hatten einzelne Äste verloren, besonders die älteren, die nicht mehr so geschmeidig waren. Der Apfelbaum aber bot wirklich ein traurigen Anblick, wie er seine Aststümpfe von sich reckte, als wolle er immer noch dem Herbstwind damit drohen. Um ihn herum am Boden lagen seine abgebrochenen Äste, Zweige und seine vielen Äpfel, die nie ganz das letzte Stadium der Reife erreicht hatten.

Zuerst war der Baum zornig, dann bekam er Angst. Sicher würden die bösen Menschen sich jetzt an ihr Vorhaben, ihn zu fällen, erinnern. Tatsächlich kamen sie an diesem Morgen, den Schaden zu besehen, den der Sturm angerichtet hatte.

»Um den ist es nicht schade, der sollte ohnehin weg im nächsten Frühjahr«, sagte einer, auf den Apfelbaum weisend.

»Dann wird es also bald aus sein mit mir«, dachte der Baum, und nachdem die heftigen Wogen von Zorn und Angst verebbt waren, gab es angesichts dieser Gewißheit nur noch eine tiefe Traurigkeit in ihm. In dieser Traurigkeit verbrachte er den kalten Winter, der den anderen Bäumen eine Ruhepause zum Sammeln neuer Kräfte für den kommenden Frühling war.

Versunken in seiner Traurigkeit, wie der Baum war, merkte er erst, daß der Frühling gekommen war, als er die Bäume um ihn herum geschmückt sah mit den ersten zartgrünen Blättern. Er verglich sich mit den anderen, fand sich häßlich und mißgestaltet, wie er so dastand mit seinen abgebrochenen Ästen. Und er dachte daran, daß dieser Frühling sein letzter sein sollte. Er fühlte sich schwach, er war verzweifelt, aber in einer Anwandlung von Trotz beschloß er, wenigstens einige Blätter auszutreiben. »Mit einem Hauch von hellem Grün will auch ich mich schmücken und die Wohltaten der Sonne genießen, solange ich das noch kann«. Und das sollte länger sein als er ahnte. Im Haus der Menschen starb jemand, dann wurde ein Kind geboren, Feste des Abschieds und des Willkommens fanden statt, und über so viel Veränderung vergaßen die Menschen den Baum.

Und als die Tage länger wurden und die Wärme der Sonne zunahm, brachte der Baum nicht nur neue Zweige und grünes Laub, sondern auch die ersten Knospen hervor. So hatte also auch in ihm, obwohl er gefangen gewesen war in seiner Traurigkeit, insgeheim die erneuernde Kraft der Natur gewirkt und ermöglichte ihm nun neues Wachstum. Verglichen mit den ihn umgebenden Bäumen sah er immer noch arg mitgenommen aus, weshalb er in diesem Jahr nicht übermäßig stolz war auf seine Blüten. Er freute sich einfach darüber — es war eine bescheidene, demütige Freude.

Als der Sommer gerade auf das Frühjahr gefolgt war, hörte er einen der Menschen sagen: »Wie schnell die Zeit wieder vergangen ist. Inzwischen ist es doch zu spät, noch einen neuen Baum zu pflanzen. Lassen wir ihn also stehen bis zum Herbst.«

Den ganzen Sommer würde er also Zeit haben — und vielleicht würden die Menschen es sich doch noch anders überlegen?

So ungewiß war die Frage seines weiteren Bestehens, daß der Baum keine Sorgen mehr an das wechselhafte Wetter verschwendete. Alles schien ihm neu, wie nie zuvor erlebt: der Wärme und Licht spendende Sonnenschein, der erfrischende Regen — und sogar die heftigen Winde, die gelegentlich an seinen jungen Zweigen rüttelten. Es war durchaus Traurigkeit dabei, wenn er das Dunklerwerden des Laubes und das Reifen der Früchte aufmerksam verfolgte, denn das brachte ihn wohl unweigerlich seinem Ende näher. Und doch war er fasziniert wie nie zuvor von dem Rhythmus des Jahres, der Entwicklung der Bäume um ihn herum — und natürlich auch von seiner eigenen. Wozu etwas festhalten, wenn er selbst keine Dauer haben sollte?

Als der Spätsommer herankam und damit die Erntezeit, trug der Baum zwar nur wenige, aber voll ausgereifte Früchte in seinem Geäst.

Zur Erntezeit gingen ein Mann und ein Kind zu dem Baum. Der Mann pflückte einen Apfel, probierte, lobte und gab auch dem Kind einen Apfel. »Na, dieses Jahr sind die Äpfel aber so, wie sie besser nicht sein könnten. Vielleicht hatte er einfach zu früh zu viele Früchte. Ein wenig unansehnlich steht er ja da, aber das wird sich noch auswachsen.«

Diesmal erbebte der Baum vor Freude und Glück von seinen tiefsten Wurzeln durch den Stamm hinauf bis zu den kleinsten Zweigen. Ein Apfel fiel herab, den Menschen direkt vor die Füße, und der Baum spürte dabei die Freude des Gebens. Warum sollte er festhalten?

Ein neuer Frühling würde kommen mit neuem Leben und mit Blütenpracht, Sommer und Ernte würden folgen, und dann die Ruhe des Winters, wieder und wieder.

Was gab es da festzuhalten?

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Die Skorpion‑Mondin

Die Skorpion‑Mondin
ist eine Hexe schwarz und weiss
Merlins Gegenstück ― doch nicht so eindeutig
auf der weißen Seite.
ist fasziniert vom Un‑Heimlichen
von allem, was ein Geheimnis birgt
―  ganz gleich wie dunkel
forscht auch in dunklen Höhlen, in trüben Wassern.

Sie findet Kröten schön
Nachtschattengewächse traumhaft
und träumend geht sie auf schamanische Reisen.
Mutig ist sie, wenn es um eigenes Austesten geht
doch vorsichtig, wenn sie anderen rät, denn
sie kennt die Fallgruben der Macht:
als sie selbst noch auf abseitigen Pfaden ging
oft genug ausgesetzt der Gefahr des endgültigen Absturzes
da gab es immer solche, die sie zwingen wollten,
unerbittlich, zu einem Leben im Halbschatten:
Sollte sie sich doch schämen ihres Anders-Seins!

Doch wenn es notwendig scheint und hilfreich
trifft sie mitten ins Schwarze
mitten hinein in die schmerzende Wunde.
Sie weiß aus Erfahrung:
die Wunde freilegen, den Schmerz annehmen
kann Reinigung und Heilung wirken  ―  und Wandlung.

Und so ist sie Astrologin, Zuhörende
Ratgebende und ein wenig Kräuterweib.

Auch wenn sie lange Zeit
die Sündenbock‑Rolle trug wie einen Umhang
hinter dem sie fast zu einem Schatten schwand
ist sie nun stolz auf ihr Anders‑Sein
das aus ihrer Kenntnis der Tiefe erwächst.

Sie ist vertraut mit ihrer Sinnlichkeit und Lust
nachdem sie Sex und Lust befreit hat
aus einem Panzer von Tabus
kann nun eintauchen in den Ozean der Ekstase
frei schwimmen darin, hingebungsvoll
sobald sie selbst sich dafür entschieden hat.

Grenzgängerin:
Sie kennt die Kraft, die aus der schwarzen Tiefe kommt
und weiß, dass in der Schwärze alle Farben sind.

Textprobe: Ein Fall von Borderline

Jonglieren am Abgrund

Das Bild ist überwiegend in Grautönen gehalten, in Nebelfarben: Eine Frau in einer zerklüfteten Felsenlandschaft, auf einem Fuß an einem Abgrund balancierend — den anderen hat sie nach vorn gestreckt, über die Leere, durch die neblige Schwaden wabern. Ebenso grau wabert darüber der Himmel, abgesehen von einem Lichtstreif im Westen. Doch im Osten hat sich die Andeutung einer gelbgrünen Gewittertönung ins Grau geschoben. Was dem Bild dennoch Farbenfreude verleiht, sind die bunten Bälle, mit denen die Frau jongliert.
Ganz schön mutig.“
Das auch, ja.“
Du hast dabei wohl an den Mut der Verzweiflung gedacht?“
Nein, das nicht.“
Also, irgendwie passt es ganz gut auf die prekäre Lage, in der sich die Finanzwelt zur Zeit befindet.“
Bei meinen Finanzen ist das eher der Normalzustand. Dass ich seine Deutung trotzdem nicht im Sinn hatte, entgeht ihm, weil er wie hypnotisiert auf das Bild starrt. Doch gleich darauf sieht er mich durchdringend an: „Und woran hast du dabei gedacht?“

An das, was Künstler eben tun: Sie sind immer unterwegs ins Ungewisse, betreten mit jedem Schritt Neuland.“
Ach so. Aber dann lässt es sich ja doch auf die gegenwärtige Krise beziehen.“
Klar. Wenn du es so sehen möchtest…“
Dann sind wir uns ja einig. Ich nehme jedenfalls das andere. Wie abgesprochen.

Das Bild seiner Wahl gehört zu meiner Phantastik-Serie:Mit der zusammengerollten Zeitung in der Hand und der tiefroten Rosenblüte am Revers seiner Jacke wirkt der Mann ganz so, als hätte er eine Verabredung mit einer unbekannten Frau. Sollte er auf diejenige warten, die im Hintergrund zu sehen ist? An den Stamm einer Eiche geschmiegt, verschwindet sie fast im Schatten der mächtigen Krone. Nicht einmal die Farbe ihres Umhangs lässt sich genau ausmachen: Ist er schwarz? Dunkelblau? Oder dunkelgrau? An dem Riegel, der ihn zusammenhält, steckt ebenfalls eine Rose, blutig rot. Achtet man auf die Details, stellt sich die Frage: Ist das überhaupt eine Frau? Eine Menschenfrau? Denn die Hand, die unter dem Umhang hervorlugt, scheint in einem Prozess der Verwandlung begriffen: Die langen Fingernägel wirken eher wie Krallen, und bis über die Knöchel hat sich Pelz ausgebreitet, schwarz, getupft mit grauen Schatten. Die Kapuze, unter der dunkle Locken hervorringeln, ist ein wenig verrutscht und gibt den Blick frei auf ein hoch angesetztes rundliches Ohr, das den gleichen Bewuchs aufweist wie die Hand. Das Auffälligste sind ihre Augen, die grün wie Smaragde aus dem blassen Gesicht leuchten.

Als ich mich in Bewegung setze, macht der Käufer eine abwehrende Handbewegung und stellt sich vor das Bild. Seine Mundwinkel deuten ein verhaltenes Lächeln an, während er den Blick zwischen mir und meinem Machwerk hin und her wandern lässt. „Da verbirgt sich bei dir offenbar eine ziemlich wilde Seite.“
Bei mir?“
Ja. Ich finde, die Dame hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dir. Also, ich würde diese Seite von dir gern mal kennenlernen.“
Erstens bin ich keine Dame, und zweitens verberge ich meine wilde Seite nicht. Ganz im Gegenteil: Beim Malen kann ich die so richtig austoben.“
Seine eindringliche Musterung führt wahrscheinlich zu dem Resultat, dass die andere Frau, die auf dem Bild, die attraktivere ist, denn mein Haar, dessen mahagonidunkle Tönung längst wieder eine Auffrischung vertragen könnte, ist zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden. Weil’s praktischer ist. Na ja… nicht nur deshalb. Und so ganz daneben liegt er auch nicht mit seinem Hinweis auf die Ähnlichkeit. Jemand hat mir mal gesagt, die nach hinten gebundenen Haare würden meine Androgynität betonen. Dieser Jemand war Janna, die Frau, mit der ich meine kurze lesbische Episode ausgelebt habe. Ich habe schon ernst-haft in Erwägung gezogen, Mister Banker davon zu erzählen, zur Abschreckung. Aber das lasse ich lieber, weil er diese Info womöglich als Herausforderung sehen würde, mich wieder umzukrempeln. Hoffnungslos, und nicht etwa, weil ich überzeugte Lesbe bin. Tatsächlich
pflege ich gegenwärtig das, was die meisten wohl als Askese bezeichnen würden. Ich selbst nenne mich lieber Solitärfrau. Wie ich Mister Banker wiederholt gesagt habe, investiere ich meine Energie lieber anderswo. Wie zum Beispiel in diese Phantastik-Serie.
Tatsächlich weist die Panther-Frau ähnliche Züge auf wie ich, trotzdem ist sie weit entfernt davon, so was wie meine Doppelgängerin zu sein. Die oberflächliche Ähnlichkeit beschränkt sich auf die schlanke Gestalt, das schmale Gesicht und die langen Haare. Mein Körper ist jedoch ziemlich eckig und kantig, ihr Gesicht weicher und ihr Körper anmutig. Was mir an mir selbst am besten gefällt ist mein Mund: breit und sinnlich, als wäre mein Lebenshunger unersättlich. Die Pantherin wirkt nicht sehr raubtierhaft, sondern eher verspielt wie ein Kätzchen.

Also, von all deinen Bildern gefällt mir dies bisher am besten.“
Tatsächlich?“
Vermutlich ist mir deutlich anzusehen, dass ich diese Einschätzung nicht teile, denn er fragt prompt: „Deins wohl nicht, wie’s aussieht?“

Nein, es sollte einem bestimmten Zweck dienen.“
Widerstrebend gebe ich seinem fragenden Blick nach: „Ich habe Kopien der ganzen Serie an entsprechende Verlage geschickt. Um mich als Illustratorin zu bewerben.“

Wenn es dafür gedacht ist — warum verkaufst du es dann?“

Die Verlage bekommen natürlich nur Kopien — und der Sammler das Bild. Ist ohnehin nichts draus geworden. Bei mir funktioniert das offenbar nicht — Geld als Antriebsmotor. “
Na, ich drück‘ dir die Daumen, dass es noch klappt. Aber sag‘ mal: Warum gerade Phantastik?“

Na, die Romane liefern so herrliche Motive.“
Hexen, Werwölfe und dergleichen?“ fragt er in neckendem Ton.
Ehrlich gesagt, steh ich gar nicht so auf diese Art von Lektüre. Worauf es mir ankommt, das ist die Überschreitung der allgemein akzeptierten Realität.“
Und ich dachte, in diesen Büchern geht es vor allem um Sex. Nur so ’ne Vermutung. Ich hab‘ nicht vielZeit zumLesen.“
Gegen meine Absicht muss ich lächeln — und nicht etwa, weil er es wieder mal geschafft hat, das Gespräch auf Sex zu lenken. „Es muss wohl der Gestaltwandel sein,“ beeile ich mich zu erklären, „der mich fasziniert.“

So, so. Vom Mensch zum Tier? Das bestätigt mir aber, dass du da was verdrängst.“
Am liebsten hätte ich ihn per Tritt in den Hintern zur Tür raus befördert. Statt dessen wiederhole ich: „Nein, mir geht es darum, dass Künstler immer Grenzen überschreiten, jeder Schritt vorwärts führt auf unbekanntes Terrain.“

Nun, in der heutigen Zeit… da seid ihr Künstler mit diesem Gefühl der Unsicherheit nicht allein.“
Warum will er immer alles auf einen einzigen Begriff reduzieren? Oder vielmehr: Auf die Krise im Tätigkeitsfeld seiner Wahl? Ich hole Luft für eine Erwiderung, doch er lässt mir keine Zeit für eine weitere Klarstellung, sondern zieht einen Umschlag aus der Innentasche seines Jacketts — womit er, wie ich inzwischen weiß, seinen Abgang ankündigt. Statt ihm seine milde Gabe abzunehmen, hole ich Packpapier, um das Bild einzuschlagen. Mein Honorar wird er schon irgendwo deponieren.
Er verabschiedet sich mit den Worten: „Tschau, Stella. Man sieht sich.“

Stella — diesen Namen verdanke ich tatsächlich meinen Eltern. Stella… als hätten sie all ihre Träume von einem ganz anderen Leben in ein einziges Wort gepresst — um sie dann wie eine Konserve ganz weit hinten im Schrank zu verstauen. Denn meine Eltern sind ganz durchschnittliche, normale Leute. So sehr normal, dass ein aus ihrem engen Rahmen fallendes Kind für sie etwas absolut Schreckliches ist. Um dieser Möglichkeit einen Riegel vorzuschieben, haben sie sich redlich bemüht, mir die Flügel zu stutzen. Lange Zeit habe ich brav versucht, mich möglichst unsichtbar zu machen und bin nur durch’s Leben geschlichen — bis sich meine rebellische Seite einfach nicht länger unterdrücken ließ. Was zur Folge hatte, dass ich aus ihren engen Grenzen ausgebrochen bin, und das gleich in viele Richtungen. Vermutlich fragen sie sich immer noch, womit sie so etwas verdient haben.

 Diese Frage allerdings stelle ich mir auch gerade — nach einem Blick in den Umschlag. Dabei ist genau das drin, was zu erwarten war: Die vereinbarte Summe, und kein klitzekleiner Schein mehr. Klar, ich sollte mich einfach freuen. Aber irgendwas an diesem Typ macht mich wütend. Mister Banker — nein, nicht sein Name, sondern sein Beruf — behauptet von sich, Objekte zu sammeln, in denen er Potential sieht. Was vermutlich bedeutet: Er kauft sie billig ein, als Geldanlage — und kann sich obendrein alsGönner unbekannter junger Künstler aufspielen. Vermutlich wäre er großzügiger, wenn ich auf seine ewigen sexuellen Anspielungen eingehen würde. Aber wer weiß vielleicht würde er sich prompt der nächsten noch zu entdeckenden Malerin zuwenden?

Könnte auch sein, dass er mir längst den Stempel „egozentrische Künstlerin aufgedrückt hat und seine Versuche, mich rumzukriegen, nur noch Gewohnheit sind. Was er nicht versteht: So ein richtiger kreativer Höhenflug — der ist wie ein Orgasmus. Mit dem Unterschied, dass frau nicht auf einen halbwegs einfühlsamen Partner angewiesen ist. Es gibt genug Leute, für die Sex etwas rein Körperliches ist, nicht viel anders als Joggen bis zum Exzess. Die haben kein Problem damit, sich bei anderen ihren Kick zu holen. Ich habe definitiv keine Lust, mich auf diese Weise benutzen zu lassen. Weshalb Mister Banker meinen Körper nicht als Dreingabe bekommt. Wenn’s sein muss, gehört schließlich auch die Hungerkünstlerin zu meinem kreativen Repertoire.

 Prompt meldet sich mein Magen. Eigentlich wollte ich noch ein paar Vorräte einkaufen, Lebensmittel und Farben. Aber für heute reicht’s mir: Ich habe keine Lust, in Gedanken weiter um Geld oder Mister Banker zu rotieren. Also stopfe ich den Umschlag samt Inhalt in meinen Tresor in Gestalt einer verbeulten Teedose. Ist ohnehin bald Zeit für meinen Job, anderen Menschen ihr Essen zu kredenzen, ganz schlicht gesagt: Serviererin. Mies bezahlt, aber immerhin gibt’s ein bisschen zusätzliches Trinkgeld. Das Beste daran sind die Mahlzeiten, die ich gratis bekomme. Weshalb als Imbiss, bevor ich mich auf den Weg mache, ein Apfel genügen muss.

Gut, seine Teufel zu kennen

 Geschafft. Nicht nur mein Job ist für heute überstanden — ich selbst bin auch fix und fertig, ganz besonders meine Füße. Heute war so viel los, dass mir nicht mal Zeit blieb, mich zwischendurch an der Salat-Bar zu bedienen. Als ich mich vor meiner extra großen Portion Hühnerbrust mit Fenchel und Reis niederlasse, fühle ich mich zu erschöpft zum Essen. Das einzige, was ich in diesem Moment genieße, ist der Kontakt von Hintern mit Sitzfläche.
Was denn — keinen Appetit?“ fragt Elli mit vollem Mund. „Dir müsste doch schon längst der Magen knurren.“
Ja, wie ein Panther.“
Sie lässt ihre Gabel sinken, auf der sie ein Stück von ihrem Steak aufgespießt hat, und schüttelt den Kopf. „Was dir immer für Vergleiche einfallen.“

Vielleicht, weil ich heute mal wieder ein Bild verkauft habe.“
Was der Panther mit dem Bild zu tun hat, scheint Elli nicht zu interessieren — sie hat etwas ganz anderes im Sinn: „Hey, da könnten wir doch endlich mal zusammen shoppen gehen! Du wolltest dir doch schon längst ein paar neue Treter gönnen.“
Jetzt bin ich dran mit Kopfschütteln: „Erstmal muss ich die Vorräte in meiner Küchen ein bisschen aufstocken. Und was dann noch bleibt, brauche ich für Material.“

Also, wenn ich so leben müsste wie du, würde ich verrückt werden.“
Auch wenn mir klar ist, dass Elli nur das Leben am Geldlimit meint, kann ich vor L
achen kaum antworten: „Verrückt bin ich schon. Davor brauche ich also keine Angst mehr zu haben.“
Mein Gelächter hat eine positive Nebenwirkung: Wie eine frische Dusche spült es sämtliche Anspannung dieses Tages fort, und ich kann die Hühnerbrust genießen.
Die Art, wie mich meine
bodenständige Kollegin beäugt, wirkt zwar wie eine Bestätigung meiner Aussage, doch ihr Kommentar ist das genaue Gegenteil: „Du magst ja manchmal sonderbare Einfälle haben aber eigentlich kommst du mir ziemlich gesund vor. Mal abgesehen davon, dass du dich zu sehr einschränkst, deiner Kunst zu Liebe.“

 Tatsächlich hab‘ ich’s sozusagen mit Brief und Siegel, in Form von Entlassungsgutachten aus der Psychiatrie. Aber wenn ich auch keinen schweren Ballast von felsenfesten Meinungen durch’s Leben schleppe — von einer Sache bin ich überzeugt: Es ist gut, seine Teufel zu kennen. Wer vor ihnen die Augen zusammen kneift, sieht ja gar nicht, wie sehr sie das eigene Leben bestimmen. Wenn ich mich so umschaue, kommen mir die angeblichen Normalos dieser Welt (ein-schließlich VIPs, ob nun Stars oder Politiker) gestörter vor als ich. Würde man sie darauf aufmerksam machen — bestimmt wären sie zutiefst beleidigt. Und wenn ich schon beim Teufel bin: Nun… da sie weiblich ist, würde vielleicht Hexe besser passen? Die Hexe meiner Kindheit war definitiv meine Mutter. Nicht etwa eine dieser Märchenfeen, die mit einem Schwung ihres Zauberstabs einen Kürbis in eine Kutsche verwandeln können und einen Schmerz oder eine Furcht durch ein sanftes Lied zum Verschwinden bringen. Die wirkungsvolle schwarze Magie meiner Mutter bestand in ständigem Sich-Sorgen — und nicht etwa stillschweigend. Auf diese Weise gab sie sich redlich Mühe, all ihre eigenen Ängste in mich hinein zu stopfen. Klar, später blieb mir gar nichts anderes übrig, als ihr zu verzeihen. Allerdings noch nicht, als ich kapiert habe, dass diese Angst-Mästerei tatsächlich gut gemeint war, sondern erst, als ich verstand, dass das Weiterreichen ihre einzige Methode ist, um mit ihrem eigenen Kram klarzukommen. Ihre am meisten gehätschelte Überzeugung sieht offenbar so aus: Angst, und zwar in möglichst hoher Dosierung (vor Männern, dem eigenen Körper, davor, zur Zielscheibe von Klatsch und Tratsch zu werden, und so weiter und so fort…) ist genau das, was ein junger Mensch braucht, um für den Ansturm des Lebens gerüstet zu sein. Wenn du ständig das Schlimmste erwartest, kannst du nicht überrumpelt oder enttäuscht werden. Und doch habe ich es geschafft, sie zu enttäuschen.

Auch meine Mutter gehört zu denjenigen, die völlig außer sich geraten würden, sollte es jemand wagen, ihr auch nur einen Hauch von neurotischem Verhalten auf den Kopf zuzusagen. Gerade deshalb bin ich keineswegs unglücklich wegen meiner psychiatrischen Karriere. Ich habe meine Teufel kennen gelernt.

In Bild und Bann

 Eine Idee ist aufgeblitzt, die mir fast den Atem verschlägt, so kühn kommt sie mir vor: Ich werde meine Komplemetärfrau auf Papier bannen. Und in einen Rahmen. Also einsperren.
Dreist? Mag sein — aber was ist mit Aliena, die ihre ultimative Kunst vorführt, auf eine Weise, die für mich in dieser Realität unerreichbar ist? Und meine alltägliche Sorgerei wegen so banaler Dinge wie Essen und Rechnungen ist ihr anscheinend auch völlig fremd.
So genial ich meine Idee auch finde — schon bei den ersten Überlegungen, wie ich Aliena darstellen will, bin ich überwältigt von der Vielfalt der Möglichkeiten: als
Robbe, die auf’s Land zuhält, um als Frau an Land zu gehen? Nein, eine solche Folge, also zwei Bilder in einem, das ist für diesen Zweck nicht geeignet. Als Frau, die zum Sprung über einen Abgrund ansetzt? Als Tänzerin in den Wolken? Oder als Malerin, die mit beiden Händen gleichzeitig arbeitet? An mindestens zwei Bildern? Vielleicht sogar als vielarmige Hindu-Göttin?
Diese letzte Variante reizt mich ganz besonders, weil sie meinen Ärger auf den Punkt bringen würde, wenigstens annähernd. Ich bin schon drauf und dran, damit loszulegen — da leuchtet mir ein inneres Stopp-Schild entgegen: Mit einem solchen Motiv würde ich Alienas mühelose Art des Erschaffens geradezu verherrlichen! Ihr ein Denkmal setzen. Offenbar habe ich über dem Ausbrüten von Ideen-Eiern mein eigentliches Ziel ganz aus den Augen verloren. Diese frustrierende Erkenntnis tue ich mit einem Achselzucken ab, um Raum für weitere Variationen zu schaffen. Und die Ideen kommen in solcher Vielfalt herein gepurzelt, — darunter eine Elfe mit gebrochenen Flügeln — dass ich mir vorkomme, als wäre ich in eine Meeresströmung geraten, die mich herumwirbelt — und nicht nur im Kreis, wie eine Katze in der Waschmaschine, sondern von oben nach unten und in sämtliche Himmelsrichtungen. Meine Unfähigkeit, eine Wahl zu treffen, veranlasst mich zu einer ganzen Reihe von rasch hingeworfenen Skizzen, von denen ich eine — Aliena als Pantherfrau — als Vorlage für ein Aquarell auswähle. Weil ich mir sage: Ein Landtier ist besser festzuhalten als ein Wasserwesen, das sich dem Zugriff viel leichter entziehen kann.
Und damit beginnt ein regelrechter Kampf: Der Schwamm für die Grundierung ist zu nass, und so rinnt Wasser an einer Seite des Bildes herab. Als ich nach dem Tuch greife, das immer griffbereit in der Nähe liegt, kippt das sorgsam gespannte Papier von der Staffelei. Verärgert schimpfe ich drauflos: „Da kannst du mal sehen, wie mühsam hier alles ist. Sogar die Wassertropfen müssen genau dosiert sein.“
Nachdem ich die überschüssige Nässe vom Papier getupft habe, schüttele ich meine Hände aus, und spüre nicht nur deutlich meine innere Anspannung, sondern als Zugabe auch noch Kopfschmerzen. So was ist mir beim Malen schon lange nicht mehr passiert! In diesem Zustand kommt mir die Klingelei des Telefons vor wie eine Sirene. Aber was oder wer auch immer — schlimmer kann der Tag nicht mehr werden. Und eine Pause brauche ich sowieso.

Roman: Ein Fall von Borderline

Die Künstlerin Stella hat bereits mehrere Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich, die zu unterschiedlichen Diagnosen führe, wobei sie sich mit der letzten, Borderline-Syndrom, völlig identifizieren kann, wegen ihrer Assoziation mit Grenzüberschreitungen und dem Ausbrechen aus engen Grenzen. Ihr Bericht von psychiatrischen und therapeutischen Erfahrungen ist manchmal lapidar, manchmal rebellisch, dann wieder grüblerisch und gelegentlich sogar weise.

Aufgrund ihrer Lebensgeschichte und als noch nicht sehr erfolgreiche Malerin sieht sich Stella als gesellschaftliche Außenseiterin, kann dieser prekären Situation aber durchaus Positives abgewinnen, frei nach dem Motto: Nur, wer aus sämtlichen Rahmen gefallen ist, kann das ganze Bild sehen, anders als diejenigen, die im Bild gefangen sind.

Allmählich verlagert sich Stellas Aufmerksamkeit auf die Beziehung zu   Aliena, ihrer unsichtbare Spielgefährtin aus Kindertagen. Inzwischen hat die Malerin zu dieser Freundin eine zwiespältige Einstellung. Einerseits verdankt sie ihr kreative Inspirationen, andererseits macht es sie neidisch, wenn ihre Komplementärfrau in Träumen ihre mühelose Kreativität vorführt, während Stella sich mit den Problemen der materiellen Welt herumschlägt, ob es dabei nun um ihre finanzielle Situation geht oder um künstlerische Techniken.

Angesichts dieses scheinbaren Wetteiferns schlägt Stellas Neid schließlich um in heftigen Zorn, der in den Plan mündet, die einstige Spielgefährtin in ein Bild zu ver-bannen.  Doch als dieses Bann-Bild fertig ist, fordert sie, verärgert über einen Patzer beim Malen, ihr Alter ego auf: „Komm doch und tausch mit mir!“

Im Epilog wird von den Folgen dieses vermeintlichen Tausches  erzählt, der  für eine Verschmelzung steht mit dem, was in spiritueller Literatur oft als Höheres selbst bezeichnet wird. (Allerdings geht Stella in einer  esoterischen Episode nicht besonders schmeichelhaft mit diesem Thema um.) Letztlich bleibt die Aufforderung zum Tausch und was sich daraus entwickelt für vielerlei Deutungen offen.

Als ich im Frühjahr damit beschäftigt war, meinen jetzt vorliegenden Roman „Ein Fall von Borderline“ für die Veröffentlichung vorzubereiten, da landete ich statt am Computer im Krankenhaus. Der Herzinfarkt, der mich dorthin verfrachtet hatte, schien von glimpflichem Verlauf — wäre da nicht die sensible Reaktion meines Körpers auf Medikamente jeder Art. Unmittelbar auf den überstandenen Infarkt folgte eine Hirnblutung – und die wiederum wirkte auf das Sprachzentrum — Aphasie!

Ich war nicht mehr in der Lage, einen vollständigen Satz zu artikulieren, ich war nicht mehr fähig, geschriebene Wörter in gesprochene Sprache zu verwandeln.

Ein Arzt teilte meiner Schwester mit, dass er die Chancen auf Verbesserung dieses Zustandes sehr gerin einschätzte.

Doch nachdem in einer Spezialklinik fast alle Medikamente abgesetzt worden waren, kehrte… langsam und allmähliche… die Sprache zurück. Der mündliche Ausdruck machte mir immer dann am wenigsten Probleme, wenn ich einfach sagen wollte, was mir gerade in den Sinn kam — was so weit ging, dass Freunde und Verwandte bei Besuchen oder Telefonanrufen ihre Freute zum Ausdruck brachten, weil ich schon wieder sehr „normal“ klang. Wenn ich aber als Antwort auf eine Frage nach einem ganz bestimmten Wort suchte — dann schienen sich die Wörter beharrlich zu verstecken. Geradezu niederschmetternd waren meine Abstecher in den Park der Klinik: So viele Pflanzen in voller Blüte — für mich jedoch waren sie wie das wiedersehen mit alten Bekannten, deren Namen mir partout nicht einfallen wollte.

Mein besonderer Dank gilt den Sprachtherapeuten, die mir Mut machten mit der Versicherung, dass mir die Sprache nicht etwa weitgehend abhanden gekommen sei, sondern dass es jetzt zunächst um eine neue Art des „Aufspürens“ gehe.

So manches Mal staunte ich über mich selbst, wenn ich vor Freude strahlte, weil mir ein gesuchtes Wort wieder eingefallen war.

Mich freuen, weil in dieser Ödnis das eine oder andere Wort wieder auftaucht? Ja, ich freute mich über solche kleinen Fortschritte, aber ich tat noch mehr: Ich griff mir eine Zeitschrift mit einem substanziellen Text, wobei anfänglich schon die Überschriften erhebliche Probleme bereiteten. Ich machte mir Notizen in einer Kladde, ohne mich durch die massenhaften Schreibfehler demotivieren zu lassen — denn wie soll ich mich wieder in etwas üben, wenn ich es nicht praktiziere?

Auf die Zeitschrift folgte ein Krimi, in der Sprachtherapie folgten rasante Fortschritte.

 Inzwischen bin ich längst wieder zu Hause, und als ich das erste Mal wieder vor meinem Computer saß, war das, als müsste ich Erinnerungen aus uralter Zeit aktivieren: Wie funktioniert dies, wie geht denn das noch? Immer noch neige ich beim Schreiben dazu, Buchstaben zu verwechseln: B statt P oder umgekehrt, U statt O, und wenn auch weniger häufig und massiv — die Wörter treiben immer noch ihr Versteckspiel mit mir.

Veröffentlicht bei Verlag Epubli, ISBN 978-3-8442-2648-5

Das ist die E-Book-Version :ISBN 978-3-8442-2649-2