Göttliche Funken — wir alle

Vor langer, langer Zeit erkannten die Menschen Gott in allem, das sie umgab: In Steinen und Bäumen, in Wolken und Wasser. Sie hörten die göttliche Sprache im Gesang der Vögel und im Grollen des Donners. Um die harten Worte zu vermeiden und statt dessen sanften Regen und ebenso sanften Sonnenschein einzuladen, brachten sie heraus ragenden Verkörperungen Gottes ihre Gaben dar: hohen Felsen, uralten, riesigen Bäumen und klaren Quellen.
Ja, es war offensichtlich: Gott wollte verehrt werden. Doch es gab so viele Manifestationen Gottes!
Also musste eine Auswahl musste getroffen werden. Der eine Clan neigte dazu, Felsen zu verehren, dieser die Vögel der Lüfte, jener bevorzugte Bäume, ein anderer Wasser, wieder ein anderer gar Feuer. Jeder Clan entschied, was den höchsten Wert hatte, entsprechend der eigenen Lebensweise Doch es dauerte nicht lange, bis der Streit losging: Welche Erscheinung Gottes war besser? Welche besonders wohlwollend? Welche verkörperte die größte Macht?
Und weil die Vorlieben so vielfältig waren, kam es oft zu Kämpfen.

Vor immer noch langer Zeit trug ein Mensch eine revolutionäre Idee vor: All diese Dinge und  Orte der Anbetung – sie alle sind Manifestationen eines einzigen Gottes. Lasst uns die Sache vereinfachen und einem einzigen all umfassenden Gott huldigen.
Es brauchte einige Zeit… doch viele Menschen und viele Völker nahmen diesen Vorschlag an. Der Grundgedanke war: Einigung. Alles ist eins, weil alles aus einer Quelle stammt.
Aber brachte diese Vereinigung Frieden? Nein.
Da gab es jene, die Monumente erschaffen wollten, und die zeigten Gott als Mann. Die Frauen waren nicht einverstanden: Wer bringt neues Leben in diese Welt? Dies kann nur eine Göttin sein.
Da kamen jene, die sagten: Die Größe Gottes übersteigt jede Vorstellungskraft. Deshalb darf es  nicht erlaubt sein, die Gottheit in Farbe oder Stein abzubilden.
Wieder gab es heftig Kämpfe und Kriege und noch mehr  Kriege, alle geführt im Namen Gottes.

Doch es gab einige, die des ständigen Streitens und Kämpfens müde wurden, und ihre Zahl wuchs, und einige von ihnen wurden nachdenklich. Sie  fragten sich: Wenn Gott in allem ist und wirkt: dann muss auch ein göttlicher Funke in mir selbst lebendig sein!

Ein Sehnen geht um die Welt: Sich mit diesem göttlichen Anteil zu verbinden.
Und doch: Wie in den Liedern der Troubadoure, die von Liebe singen, der die Erfüllung fehlt,
war dies ein Sehnen nach etwas, das verloren ging, vor langer Zeit. Nach etwas, das irgendwo dort draußen ist, in weiter Ferne — vielleicht irgendwo jenseits des Regenbogens?
Gedichte werden geschrieben, Lieder gesungen und um die Erdkugel getragen:
Dieser Funke Gottes ist im Innern lebendig, er funkelt in mir, in dir… in jedem von uns.
Viele fühlen sich hingezogen zu diesen Liedern, und viele zweifeln: Könnte etwas Wahres daran sein?

Doch hier und da stellt sich der eine oder andere eine neue Frage: Das hört sich gut an, aber alle tun so, als wäre  dieser göttlicher Funke etwas, das erst gefunden werden muss. Ob in weiter Ferne oder um die nächste Ecke: Das Suchen bedeutet: Immer außer Reichweite.
Ich hab‘ genug von all dem Sehnen und Zweifeln: Ich atme ihn ein, diesen Funken, tief in mich Selbst.

Und wie zuvor das Lied voller Sehnsucht und Romantik wird ein neues Lied gesungen, und es geht um die ganze Welt: Ich bin, du bist, wir alle sind Funken Gottes, menschlich und göttlich zugleich.

Und wenn dieses Lied sich verwurzelt, dann ist es das Ende von Kämpfen, Streit und Krieg.

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Verwundeter Held

Der Wind klatscht den Regen gegen die Fensterscheiben — was für ein Kontrast zur Hitze im Golf von Aden. Immerhin: Das Unwetter spiegelt, wie es in mir aussieht. Also, wenn Mira das jetzt hören würde — ich glaube, sie wäre begeistert. Schließlich bohrt sie dauernd nach, nervt mich immer wieder mit der Fragerei, was in mir vorgeht! Am liebsten würde ich jetzt pennen, aber der Sturm lässt mich nicht.
Vor Somalia war es meistens die Hitze, die Schlaf verhinderte. Ansonsten ist der Alltag auf einem Marineschiff vor allem eins: eng. Weshalb einer der Funker unsere Fregatte die Galeere genannt hat. Weil alle viel zu dicht aufeinander hocken und sich gegenseitig auf die Nerven gehen. Diejenigen, die zu Hause eine Braut haben, nerven mit ihren Zweifeln, ob die Schlampe auch treu ist. Wenn ich ehrlich bin, wenigstens mir selbst gegenüber, war ich auch nicht besser.

Mira und ich, wir kennen uns schon seit der Schulzeit, und als ich zur Marine gegangen bin, hat sie angefangen zu studieren, ausgerechnet Sozialpädagogik, und ist in so ’ne Studenten-WG gezogen. Inzwischen ist sie fertig und steckt in einem Praktikum, für das sie so wenig Geld kriegt, dass es nie und nimmer für eine eigene Wohnung reichen würde. Ich war echt bereit, sie zu unterstützen, mehr als einmal hab‘ ich ihr angeboten, dass wir zusammenziehen. Sie hat sich glatt geweigert — obwohl ich doch sowieso die meiste Zeit nicht da gewesen wäre.
Klar, dass auch ich zu denen gehört habe, die ‚rum wunderten, ob ihre Braut sich nicht mit einem anderen vergnügt. Klar, dass auch ich zusammen mit einigen von unseren Jungs und den Franzosen in diese Bar gegangen bin, wo es echte Rassefrauen gibt, die sich einem geradezu an den Hals werfen. Superweiber — aber die Gelegenheiten zum Landgang sind selten, und wenn man da festhängt, die meiste Zeit auf dem Schiff mit anderen Kerlen zusammengepfercht — da braucht ein Mann nun mal ein bisschen Abwechslung. Das ist doch keine Untreue!

Die meisten von uns waren scharf auf das zusätzliche Geld — aber nicht wenige auch auf das Abenteuer. Klar, Piratenjagd — das klingt verlockend, sogar nach Heldentum. Davon hatte ich dann zum Schluss sogar mehr als genug. Wenn ich daran zurückdenke, an die Befreiung eines Frachtdampfers aus Piratengewalt: Da kann ich richtig stolz auf mich sein. Rein theoretisch. Denn ich bin ein verletzter Held, zur Zeit nicht diensttauglich. Wenn es mich wenigstens in einem richtigen Kampf erwischt hätte! Aber nein! Ausgerechnet so ein dämlicher Querschläger musste es sein, der mich an der Schulter erwischt hat.
Ich finde, wenn Mira sich schon für so einen sozialen Beruf entschieden hat — könnte sie da nicht ein bisschen mehr Verständnis für mich haben? Obwohl… wenn ich ehrlich sein soll, habe ich wirklich die Schnauze voll von Psycho-Freaks, die mir posttraumatische Belastungsstörungen unterjubeln wollen. Schon allein dieses Wort-Monster klingt bedrohlich — viel schlimmer als Piraten.
Und Mira — als ich sie gestern angerufen hab‘, wollte sie nicht mal herkommen, hat vorgeschlagen, dass wir uns morgen in einem Café treffen — nicht mal in ’ner anständigen Kneipe!

„Hallo Hannes. Na, wie geht’s?“ Diese Begrüßung wird begleitet von einem Küsschen auf die Wange.
„Wie soll’s schon gehen? Hast du nochmal drüber nachgedacht?“
„Du meinst…?“ Ungläubig sieht sie ihn an.
„Na, die gemeinsame Wohnung. Und warum nicht mit Brief und Siegel?“
„Du meinst: Heiraten?“
„Ja, klar.“
„Wäre das nicht etwas voreilig? Schau, es ist viel Zeit vergangen… Und wir beide, wir haben sehr unterschiedliche Leben geführt. Meinst du nicht auch, du solltest erstmal deine Kampfwunden kurieren?“
Offenbar nicht, denn sein Gesicht zieht sich zu einem verkniffenen Ausdruck zusammen.
„Ich meine jetzt nicht die körperliche Sache,“ fügt Mira hastig, hinzu. „Da bist du sicher in guten Händen. Aber ihr habt doch bei der Bundeswehr auch Psychologen…“
„Nicht Bund. Marine!“
Die Serviererin bringt ihr eine Tasse Kaffee und ihm ein Bier, und Mira müht sich mit dem mickrigen Milchdöschen, dann rührt sie um…. und um …, den Blick starr auf ihre Tasse gerichtet.
„Ich glaube, es gibt da doch einen anderen.“
„Nein. Gibt es nicht.“

Oh wei. Mein kaputter Held. Und jetzt möchte er zur Abwechslung den Ritter in schimmernder Rüstung mimen, der die arme Mira aus der Armut und dem harten Berufsleben rettet. Allmählich reicht’s mir wirklich. Lange genug habe ich versucht, ihm schonend beizubringen, dass wir schon längst keine gemeinsame Basis mehr haben. Falls wir die überhaupt jemals hatten. Bleibt mir wirklich nur die harte Tour?

So weit hat sie mich gebracht! Dass ich hier in der Kälte und Dunkelheit stehe und ihr Haus beobachte! Natürlich nicht ihr’s, sondern das, in dem diese WG haust. Kein Licht hinter ihrem Fenster. Was nicht viel bedeuten muss — im Gegenteil: Wenn sie einen ander’n hat, dann wird sie ja wohl zu dem gehen. Wer will schon in einer Wohngemeinschaft…
Auf jeden Fall ist da irgendwas im Busch, das spüre ich: Inzwischen will sie sich mit mir nicht mal mehr im Café blicken lassen — angeblich, weil ich zu laut werde, wenn mir was nicht passt! Einen Spaziergang im Park hat sie vorgeschlagen. Egal wie das Wetter ist. Sie behauptet, dass sie unbedingt frische Luft und Bewegung braucht, weil sie bei ihrem Praktikum den ganzen Tag drinnen ist. Und das soll ich ihr glauben?! Wo sie mir klipp und klar gesagt hat, ich soll nicht so oft anrufen?! Also, wenn ich mich nicht melde — würde sie es überhaupt jemals tun?!

Der Himmel ist grau, der Boden von feuchtem Laub bedeckt wie meistens im November, aber immerhin ist es trocken von oben. Trotzdem hat Mira ihre Kapuze über den Kopf gezogen.
In scharfem Ton fragt Hannes: „Wo warst du gestern?“
Sie starrt auf ihre Stiefel und presst die Lippen aufeinander.
„Zu Hause warst du jedenfalls nicht,“ setzt er nach.
Mira stößt hörbar den Atem aus und sieht ihm direkt in die Augen. „Ja. Es gibt einen anderen Mann in meinem Leben.“
Während sie hastig weiter spricht, macht sie einen Schritt zurück: „Es ist nichts wirklich Ernstes. Ich meine… Wir planen nichts mit gemeinsamer Wohnung und so… eben nicht so festgelegt…“
„Du… Du Schlampe. Du elende Schlampe!!“ Er packt sie an den Schultern und drückt sie mit dem Rücken gegen den nächsten Baum. Ja, er will sie haben, für sich allein, will sie in Besitz nehmen — doch Mira wehrt sich, schlägt mit der geballten Faust gegen seine Schulter. Sie trifft genau da, wo es noch weh tut. Ganz in der Nähe kläfft ein Hund. Irritiert schaut Hannes in Richtung des Gebells, und Mira nutzt die Gelegenheit, stößt ihn von sich und läuft…

Wenn meine Mitbewohner nicht so viel Druck gemacht hätten — ich glaube nicht, dass ich mich zu diesem Schritt überwunden hätte. Immer wieder hat er angerufen und tauchte sogar vor der Tür auf. Also: Ich an seiner Stelle — ich hätte mich geschämt. So auszurasten!
Natürlich habe ich mich verleugnen lassen, aber nach ein paar Tagen war ich so fertig, dass ich nicht mehr zur Arbeit gehen konnte. Außerdem habe ich mich nicht getraut — was, wenn er da auch noch Krawall gemacht hätte? Am liebsten hätte ich einfach die Flucht ergriffen, eine Freundin besucht, in der Hoffnung, dass er irgendwann aufhören würde mit diesem Wahnsinn.
Meine Mitbewohner mussten mich erst darauf hinweisen, dass sie dann immer noch hier wären. Da war ich drauf und dran, zu ihm raus zu laufen und ihm zu gestehen, dass ich diesen anderen Mann nur erfunden habe.
„Und dann?“
„Dann ist es eben wie gehabt. Ich treffe mich ab und zu mit ihm…“
Yvonne hat nicht locker gelassen: „Wollte er dich nun vergewaltigen oder nicht?“
Also habe ich es getan.

Eine gerichtliche Verfügung! Sie hat mir tatsächlich so einen Wisch zustellen lassen. Da steht drin, dass ich nicht mal mehr bei ihrer blöden WG an der Tür klingeln darf! Ich wollte doch nur wissen, wer der Kerl ist!
Inzwischen war ich bei diesem Psycho-Fritzen, wo ich die ganze Zeit nur geschimpft habe. Er hat gesagt, das wär‘ in Ordnung. Für den Anfang. Aber dann hat er geschwafelt, dass es eben nicht immer leicht wär, wieder in unsere Gesellschaft zurück zu finden.
Da muss ich ihm Recht geben. Manchmal denke ich, dass es diese Somalis doch richtig gut haben. Garantiert gehen die anders mit ihren Frauen um, und bei denen ist das was ganz Normales.

Diese Kurzgeschichte ist erstmals in der Anthologie „Raabe inspiriert“ erschienen, die in Folge eines literarischen Wettbewerbs des Vereins Braunschweigische Landschaft und des Baunschweiger Literaturzentrums im Raabe-Haus entstanden. Die Aufgabe war, sich von einem Text des Schriftstellers Wilhelm Raabe zu einer Kurzgeschichte anregen zu lassen, die einen Bezug zur Gegenwart hat.

Raabe inspiriert, ISBN 978-3-941737-64-8

Leseprobe Entweder Zeit oder Geld

Rena ist nach Studium und diversen Praktika mal wieder arbeitslos und nicht mehr motiviert, sich den nächsten Praktikumsplatz oder irgend einen Job zu suchen, nur um „in Arbeit“ zu sein. Die Zeiten der Losigkeit hat sie genutzt, um ihre kreative Seite auszuleben.

Sie tut sich mit dem Schauspieler Till zusammen, der während einer Auszeit vom Rollenspiel in einem Kleingarten haust. Die beiden fangen klein an, mit Straßentheater, was sich zu Kabarett-Auftritten auswächst.

Da Till schwul ist, kann aus den beiden auf keinen Fall ein Paar werden, dafür aber eine wunderbare Freundschaft wachsen, und dieses Thema taucht auch in anderen Szenen auf, zum Beispiel in der Jazz-Kneipe Alt-Sax, wo gegen Dumping-Löhne und die ungerechte Verteilung von Arbeit, Zeit und Geld gewettert und für bedingungsloses Grundeinkommen plädiert wird. Wie das Leben so spielt kommen von anderer Seite Vorwürfe: Schließlich verschlingen Arbeitslose das Geld der Steuerzahler.

Während andere Urlaub machen, purzelt Rena ins finstere Mittelalter, wobei sie Parallelen zu den Erfahrungen ihres aktuellen Lebens ent- deckt.

Fast hätte ich die Wasserschildkröte ver- gessen: die taucht auch gelegentlich auf.

Leseprobe

Rena springt auf, schwingt sich auf ihr Rad und fährt zu den Weiden am Wasser, wo sie in ihr Leben als Hexe eingetaucht ist. Doch Ruhe oder gar ein Trance-Zustand wollen sich nicht einstellen. Stattdessen pendeln ihre Gedanken hin und her zwischen der Angst vor dem nächsten Auftritt und der Sorge, was nach der Kürzung ihrer Bezüge nun wohl als nächstes von der Arrg! Grrh! kommen mag.

Nach kurzer Zeit gibt sie auf: Wär‘ ja auch zu einfach, wenn das auf Befehl klappen würde. Dann lieber zurück zu dem, was die innere Unruhe vertreiben hilft: Radfahren. Über Huckel und Grasnarben, und dann auch noch mit voller Kraft einen Hügel hinauf. Dort hat sie im vergangenen Jahr wilde Brombeeren entdeckt. Dafür ist es zwar noch zu früh — aber dazwischen gab es auch ein paar Ranken, die nach Himbeeren aussahen. Plötzlich, nur wenige Schritte von dem Gestrüpp entfernt, steckt das Vorderrad in einer Kuhle fest, — sicher das Werk von Kaninchen — und wie im Zeitlupentempo neigt sich das Rad zur Seite. Und doch gelingt es ihr nicht, den Sturz aufzuhalten. Ihr letzter Gedanke, bevor ihr Kopf auf dem Boden aufschlägt: Blöde Karnickel!

Weil es solch ein besonderer Anlass ist, trägt sie ihr bestes Kleid, aus schwerem blauen Samt mit Bordüren aus Silberfäden, und eine dazu passende Haube. Das einzige, was ihr erleichtert, ein trauriges Gesicht zu zeigen, das ist die bange Frage, wie sie allein mit allem klar kommen soll: Die Hörigen beaufsichtigen, zur Arbeit anhalten. Sicher, als Gutsherrin ist sie es gewohnt, Befehle zu erteilen: Aber in ihrem Reich, wo sie über die Küche, den Garten und das Hühnervieh herrscht, da geht es ruhig und friedlich zu. Die Untergebenen mögen die Herrin und folgen ihren Anweisungen. Vermutlich sind alle ebenso erleichtert wie sie selbst, weil Richard, ihr jähzorniger Gemahl, nun für lange Zeit fort sein wird. Der Seufzer lässt sich einfach nicht unterdrücken: Dafür lässt er John, seinen jüngeren Bruder, als Stellvertreter zurück — und der steht Richard im Jähzorn nichts nach und säuft mehr als ihm gut tut. Ihrem Gemahl gehorchen die Leute nicht nur, weil sie Angst vor ihm haben. Er ist nun einmal ihr Herr, und als solcher darf er seinem Zorn freien Lauf lassen. Aber von ihm wissen sie, dass er seine Leute, wenn es nötig sein sollte, schützen wird. Der Jüngere aber, John — der ist nichts als ein Tunichtgut. Was, wenn die Hörigen sich auflehnen sollten? Auf einem anderen Gut ist so etwas schon geschehen.

John hat bereits vor einigen Jahren an einem Kreuzzug teilgenommen. Seit seiner nicht unbeschadeten Rückkehr trinkt er noch mehr als zuvor, und seine Stimmungen wechseln unvorhersehbar zwischen dumpfem Brüten und heftig aufbrausendem Zorn. Er spricht nicht über das, was er bei den Sarazenen erlebt hat.

Der Geistliche darf natürlich nicht fehlen, wenn es auf Kreuzzug geht. Als Pater Christopher seine Litanei anstimmt, senkt Gunna den Kopf und beißt sich auf die Lippen. Im Haus ihres Vaters hat sie Lesen und Schreiben und sogar ein wenig Latein gelernt, und daher weiß sie, dass der Pater nicht viel von dem versteht, was er da intoniert. Bevor sie anfängt zu lachen, hängt sie lieber ihren ketzerische Gedanken über die Männerwelt nach: Land und Leute im Stich lassen, um in den Krieg zu ziehen, und Priester, die das Töten und Sterben segnen!

Mechanisch nimmt sie an der Andacht teil, kniet mit den anderen zum Gebet nieder, erhebt sich wieder. Einmal, beim Aufstehen, trifft ihr Blick auf den des Verwalters, Mort. Er sieht sie oft so an. Eindringlich, ohne dass sein Blick etwas Aufdringliches hätte.

Für Rena ist es, als fände sie sich als Hauptperson in einem Film wieder, der wie im Zeitraffer um sie herum abläuft, um bei Schlüsselszenen wieder langsamer zu werden, beinah bis zur Zeitlupe. Wenn dies ein Film ist, dann hat sie ihre Rolle gut einstudiert. Sie kennt die ganze Vorgeschichte: Von ihrem Aufwachsen auf dem recht kleinen Landgut ihres Vaters., der zwar in England lebt, aber dänischer Herkunft ist, bis zu ihrer Verheiratung mit einem Engländer. Es gab viele Gründe, warum diese Ehe sinnvoll war, und die kreisten alle um Politik und Macht. Vor allem geht es darum, die Familie besser in das Land, in dem sie leben, zu integrieren. Ihr Vater hat versucht, sie zu trösten: mit der Position, die sie innehaben würde, als Gutsherrin. Aber sie hat nie Befriedigung darin gefunden, Macht über das Gesinde zu haben. Und an die Pflichten einer Ehefrau wird sie sich wohl nie gewöhnen: Sie ekelt sich schon beim bloßen Gedanken an sein schnaufendes Sich-Abmühen, meistens dann, wenn er mehr als gewöhnlich getrunken hat, um gleich darauf verschwitzt von ihrem Körper zu rutschen und einzuschlafen, begleitet von lautem Schnarchen. Bislang hat sie ihm noch keine Kinder geschenkt…

Vor allem deshalb ist sie erleichtert, weil ihr Gatte nun für lange Zeit fort sein wird. Wenigstens wird seine Seite des Bettes leer bleiben. Ansonsten verheißt seine Abwesenheit keine Verbesserung: Sein Bruder John ist dafür bekannt, dass er den Frauen nachstellt, ob Küchenmagd oder Frau eines Hörigen. Doch meistens hat er es auf die ganz jungen abgesehen. Schon oft sind Mägde zu ihr gekommen, um sich bitter zu beklagen. Es ist nicht nur die hässliche Narbe auf seiner linken Wange, die sie vor ihm zurückschrecken lässt: Er achtet nicht auf sich und sein Äußeres, riecht nach Schweiß und Bier und Branntwein. Die Pferdeknechte sind reinlicher als er.

Weil es ihr selbst nicht ansteht, dem Bruder ihres Gemahls Vorhaltungen zu machen, hat sie Richard gebeten, ihm ins Gewissen zu reden. Ihr selbst bleibt nichts anderes, als zu helfen, wenn eine der Weiber das Pech hat, schwanger zu werden. Dann bezahlt sie das alte Kräuterweib dafür, der Bedauernswerten ein Mittel zum Austreiben der Leibesfrucht zu verabreichen. Ihr Mitgefühl geht sogar so weit, den Betroffenen eine Schonzeit einzuräumen. Bis sie sich wieder erholt haben, lässt sie ihnen von der Köchin nährende Suppen bereiten.

Das einzige, was Richard auf ihre Bitte hin getan hat: Er hat John vorgeschlagen, zu heiraten. Der hat rundweg abgelehnt, mit der empörten Frage, ob sein Bruder ihm etwa einen Bauerntrampel zugedacht habe. Dabei hat er sie, Gunna, mit einem Blick gestreift, den sie lieber nicht deuten möchte.

Am Tag der Abreise ihres Gatten hat er ihr nach dem Abendessen anzüglich zugeflüstert: „Brauchst nur zu sagen, wenn ich dir nachts das Bett wärmen soll.“

Heute ist sie ihm im Pferdestall begegnet — obwohl es ihm angestanden hätte, ihr den Vortritt zu lassen, hat er sich so dicht an ihr vorbei gedrängt, dass er ihre Brüste gestreift hat.

Das Kaleidoskop der kurzen schnellen Szenen wird langsamer, und sie findet sich im Brauhaus neben Mort. Sie sprechen über John. Der spielt sich nun, da der Ältere auf Kreuzzug ist, als Gutsherr auf, hat kein gutes Wort für die Leute, will nur befehlen. Und wenn er getrunken hat, ohne jedes Maß, dann schlägt er auch zu. Die Leute sind mürrisch und verdrossen, gehen nur widerwillig an die Arbeit.

Ich fürchte,“ sagt Mort, „wenn das so weitergeht, dann wird die Angst der Leute bald umschlagen in offene Rebellion.“

Gunna berichtet ihm, wie oft die Mägde sich über John beklagen, und dass selbst ihr Gemahl, als er noch hier war, nichts gegen sein Treiben ausrichten konnte — oder nicht wollte? Und dann gesteht sie, ohne darüber nachzudenken — denn sonst hätte sie dies ganz bestimmt für sich behalten: „So manches Mal habe ich mir schon gewünscht, er würde vom Pferd stürzen.“

Gleich darauf presst sie die rechte Hand vor den Mund. Als ihre Hand wieder sinkt, wird ein verlegenes Lächeln sichtbar: „Ich meine nur… wo er doch so viel trinkt und darauf besteht, ausgerechnet dieses Pferd zu reiten…“

Ja… Unwahrscheinlich wäre ein solcher Unfall wohl nicht…“

Mort ist groß und dünn, dabei aber sehnig und gewandt, und seine Statur, zusammen mit seinen grün-braunen Augen, lassen Gunna oft an einen streunenden Kater denken. Und die Art, wie er jetzt diese grünen Augen zusammenkneift und nachdenklich ins Leere starrt, macht ihr Angst. Als ihre Augen groß werden vor Schreck berührt er für einen flüchtigen Moment ihre Schulter. „Keine Sorge,“ sagt er.

John reitet einen dunklen Rappen, dessen Temperament sehr gut zu ihm passt. Er gilt als unberechenbar. Wenige Tage nach dem Gespräch im Brauhaus stürzt John und wird an einem Steigbügel mitgeschleift. Als es schließlich jemandem gelingt, das Pferd zum Stehen zu bringen, ist nicht nur Johns Gesicht eine einzige Wunde: Sein Genick ist gebrochen.

Mein Weg zum Schreiben

Was mich dazu gebracht hat, einen Blog zu starten?

Ich möchte „meine Schreibe“ einem Publikum vorstellen.

Mein Weg zum Schreiben war einer mit Umwegen: Nach verschiedenen Brotberufen habe ich das Abendgymnasium besucht und anschließend Anglistik studiert. Bis zum Beginn meines Studiums habe ich sehr viel gelesen und mir das Leben als Autorin immer als etwas Magisches vorgestellt, das für mich leider undenkbar blieb. Während des Studiums habe ich mich mit Märchen und Mythen beschäftigt — und irgendwann war es dann da: mein erstes Märchen. Zuerst als Idee im Kopf — und die habe ich tatsächlich zu Papier gebracht. Pure Magie!

Dieses erste und einige weitere Märchen sind im Laufe der Jahre mehrfach in Zeitschriften veröffentlicht worden, sowie einige Gedichte und Kurzgeschichten in Anthologien.

Aber was Romane betrifft: Ich habe zwar einige geschrieben, darunter auch ein Krimi, von Verlagen aber nichts als Absagen geerntet. Und weil ich‘s nun leid bin (nicht das Schreiben) habe ich nun einen meiner Romane als Print-on-Demand und als E-Book herausgebracht.

http://www.epubli.de/shop/buch/Entweder-Zeit-oder-Geld-Frida-Kopp/12710

http://www.amazon.de/s?_encoding=UTF8&search-alias=books-de&field-author=Frida%20Kopp

Nach meinem Studium habe ich mich intensiv mit Astrologie beschäftigt, bin gelegentlich als Beraterin tätig und veröffentliche auf Page Wizz meine Astro-Vorschau, allerdings nicht für die zwölf Sonnenzeichen, sondern mit dem Schwerpunkt Mundan-Astrologie.

http://pagewizz.com/astro-ausblick-zum-jahreswechsel/

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